Mit Untitled (after) zeigt die Kunsthalle Münster die erste institutionelle Einzelausstellung von Jelena Bulajić in Deutschland und gibt damit einen Überblick über das Schaffen der serbischen Künstlerin. Bulajić' Arbeiten sind Werkzeuge zur Erforschung der vermittelten Sicht auf die Welt, Spekulationen über die Dimensionen von Realität. Sie besitzen eine eigene Logik des Zeigens und Offenbarens, gehen aus einer intensiven Beschäftigung mit dem Bildnerischen hervor, dessen Bedingungen und Möglichkeiken.
Die Ausstellung bringt verschiedene Werkgruppen der Künstlerin zusammen, darunter neue Arbeiten, die für die Präsentation in der Kunsthalle entstehen und erstmals auch Skulpturen. Die Zusammenschau der unterschiedlichen Werke, das Spiel mit Figuration und Abstraktion führt eine Konzeption des Bildermachens vor Augen und fordert eine Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung ein. In einem Augenblick, in dem wir allzeit von digitalen Bildern umgeben, mit der immergleichen Rezeption über den Bildschirm konfrontiert sind, nutzt Bulajić die Bedingungen von Malerei und Skulptur, um zu sehen. Dabei scheint ihr eine Auseinandersetzung mit dem, was wir Bilder nennen, gerade vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Bilderflut von besonderer Bedeutung. Es geht um die Schulung der Sinne. Ihr Spiel mit der Wirklichkeit erfordert Konzentration, ein genaues Hinsehen und Befragen von dem, was wir sehen.
Bulajić ergründet das Medium Malerei in seinen unterschiedlichen Facetten. Ist es vordergründig das Motiv, das die Aufmerksamkeit der Betrachtenden auf sich zieht, so sind beim zweiten Blick vor allem Taktilität und Oberfläche von Bedeutung. Mi einer Mischung aus Marmorstaub, gemahlenem Granit, Kalkstein und Kaolin malt die Künstlerin ihre Inhalte und Texturen. In den vergangenen Jahren erweiterte sie die traditionellen Vorstellungen von Porträts und die Behandlung der Oberfläche als dualistische Reflexion physischer Schichten: Strukturen der menschlichen Haut, des Wassers, der Gesteine sowie die Farbe mit all ihren physischen Qualitäten sind das „Lebensmate-rial" ihrer Werke und machen deren Körperlichkeit aus, die „Haut" des Bildes. Das Wasser, die Gesteine und die abstrakten Arbeiten sind „bloße Oberflächen aus Farbe und Pigment", so Bulajić. Strukturen in Grautönen mit unzähligen kleinen, verästelten Erhebungen und Vertiefungen sind zu sehen. Dabei ist der Bildausschnitt so gewählt, dass eine Raumtiefe nicht erkennbar wird und sich der Kontext allein durch die Titel erschließen. So zeigen etwa ihre Bilder der Spree Detailausschnitte des Flusses und geben fotorealistisch die Beschaffenheit von dessen Oberfläche wieder. Die Betrach-ter:innen werden verführt, sich in dieser zu verlieren. Die Künstlerin kreiert in diesen Arbeiten eine abstrakte Komposition, die von ihren akribischen Untersuchungen der Strukturen des Wassers zeugt.
Für ihre jüngeren Gemälden eignet sich Bulajić Werke anderer Künstlerinnen an, darunter zum Beispiel Gian Lorenzo Bernini, Wolfgang Tillmans und Hiroshi Sugimoto. Dies erlaubt es ihr bei der Motivwahl auf einen subjektiven Ausdruck zu verzichten und unmittelbar in die Bedeutungsebenen jenseits des Abgebildeten vorzudringen. Durch die Arbeit mit Vorlagen, mitunter wohlbekannten Motiven, kommt es zu einer Konzentration auf die Machart. Die Oberflächen - die Risse, Linien und Altersspuren, die sie bewusst herbeiführt - sind das eigentliche Thema. Mit malerischen Mitteln befragt Bulajić die denkwürdige Kraft der Evidenz, untersucht die Wahrnehmung und die Rolle, die das Gemachtsein und die Beschaffenheit von Bildern dabei spielen. Indem sie sich für ihre Serie After Sugimoto (seit 2023) die Dioramas Hiroshi Sugimotos an-eignet, nehmen die gegenständlichen Gemälde Bezug auf eine medial vermittelte Wirklichkeit. Durch den ikonischen Verweis, der in Sugimotos Arbeiten mit den Qualitäten und Eigenschaften des Mediums Fotografie verbunden ist, schreibt sie sich in ein Spiel von Wirklichkeiten ein, das mit dem Diorama selbst beginnt. Es geht um Fragen der Präsentation und Repräsentation, ein Durchschauen der Täuschung, ein Be-wusstmachen der grundsätzlichen Relativität und Unzulänglichkeit der eigenen Wahr-nehmung. In ihrer Wiederholung, ihrer symbolischen Umnutzung und formalinhaltli-cher wie ästhetischer Modifikation der Vorbilder sind ihre Werke Teil eines Differenz-bildungsprozesses, dem die Unmöglichkeit eines Zu-Ende-Denkens innewohnt.
Dieser inhaltliche Aspekt ist auch maßgeblich für die Werkgruppe White on Black (seit 2024) - eine Gruppe vermeintlich monochromer Arbeiten in unterschiedlichen Forma-ten. Im Titel anklingend beschränkt sich Jelena Bulajić auf nur zwei Farben, wobei sic aus dem Achromatischen etwas Chromatisches erzeugt. Indem sie Dutzende von Schichten aus schwarzem und weißem Lack auf transparentes Plexiglas aufträgt, entstehen verschiedene brillante Blautöne. Die Farbflächen absorbieren und reflektieren ihre Umgebung. Dennoch verbleibt ein sichtbar malerischer Effekt, denn die Werke erzeugen keine perfekte Spiegelung, kein klares naturalistisches Bild. Die Reflektion auf dem glänzenden Lack lässt eine Verbindung mit ihrer unmittelbaren Umwelt zu. Es ist eine Dynamik, die in die passive Stille der Bilder einzieht. Alles im Hier und Jetzt wird unweigerlich in die Werke einbezogen, sodass sie sich zwischen Malerei, Foto-grafie, Film und Tableau Vivant bewegen. Bulajić schafft in dieser Serie eine lebendige Wirklichkeitserfahrung. Es entstehen Bilder im Plural, unendlich viele ephemere und somit unstete Bilder. In der Gegenüberstellung beziehungsweise Zusammenschau ihrer fotorealistischen Werke mit ihrer abstrakten Serie White on Black begegnet man der Frage, was ein medial vermittelter Realismus eigentlich bedeutet. Denn auf unterschiedliche Art sind die Werkgruppen Bekenntnisse zum Medium Malerei und deren Qualitäten nach der Fotografie. Es ist kein abbildender Realismus, vielmehr wird dieser in Frage gestellt. Es ist die Täuschung von der sich die Künstlerin fasziniert zeigt, die Enttäuschung, mit der sie selbst arbeitet. Die Bilder legen ihr Gemachtsein offen.
Vor dem Hintergrund ihrer Beschäftigung mit der Materialität der Farbe, mit der Oberfläche der Malerei, erscheint Bulajić Hinwendung zum Medium Skulptur, als ein konsequenter nächster Schritt. Ihre Serie After Stone (2025) reflektiert die Ambivalenz von Fragilität und Stabilität und untersucht Fragen der Beständigkeit und Vergänglich-keit. Ihre fragilen Objekte aus Porzellanerde reproduzieren Objekte, die für Zeitlosigkeit stehen. Materialität und Form driften auseinander und stehen sich dennoch nah.
Aus Erde und Mineralien geschaffen, repräsentieren Bulajić' Steinrepliken sowohl eine natürliche als auch eine industrielle Landschaft, erscheinen zudem als Behälter, trägt doch ein Stein virtuell alle möglichen Formen in sich, die durch eine skulpturale Geste herausgearbeitet werden können. In ihrem Versuch, die Natur überzeugend nachzu-bilden, sind die Steine von Jelena Bulajić natürlich wie künstlich zugleich.
Jelena Bulajić wurde 1990 in Vrbas, Serbien geboren; sie lebt und arbeitet in Belgrac Serbien und Herceg Novi, Montenegro. Ihre Werke waren in zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppen-ausstellungen zu sehen: Salon des Museum of Contemporary Art, Belgrad (2024), carlier | gebauer, Madrid (2024), Dots Gallery, Belgrad (2023), Museum of Contemporary Art of Vojvodina, Novi Sad (2019), The Suatchi Gallery, London (2016), Workshop, London (2016). Zu den Auszeichnungen, die ihr verliehen wurden, gehören unter anderem der GAM MA Fine Art Prize, City & Guilds of London Art School (2013), der Niš Art Foundation Award (2013), das Elizabeth Greenshields Foundation Grant (2012) und das Grand Diploma for Drawing, XIV INTERBIFEP (2011).
Öffnungszeiten:
Dienstag – Sonntag: 12:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen
Weitere Informationen direkt unter: kunsthallemuenster.de