Chinas Moderne gehört zu den faszinierendsten Epochen der chinesischen Geschichte. Nach dem Sturz des Kaiserreichs 1911 erlebte das Land in den 1920er- und 30er-Jahren einen beispiellosen kulturellen Wandel, der durch revolutionäre Drucktechnologien geprägt war. Moderne Druckzentren in Shanghai nahmen nachhaltig Einfluss auf Kultur, Kommerz und Kommunikation. Von handgeschnitzten Holzplatten zum Offsetdruck – die technischen Neuerungen machten Bilder, Nachrichten und Ideen schneller, günstiger, und für breitere Bevölkerungsschichten zugänglich. Ausgehend von seiner besonderen Sammlung von Druckgrafiken dieser Zeit, widmet das Museum am Rothenbaum (MARKK) dieser regelrechten Bilder- und Medienflut nun eine Ausstellung.

Von der Nationenbildung zur „Neuen Frau"
Gegliedert in sechs thematische Bereiche, werden facettenreiche Einblicke in die chinesische Republik geboten: Die Schau zeigt, wie Zeitungen, Magazine und politische Pamphlete nach dem Ende der Qing-Dynastie 1911 zum Motor für die Einigung eines zersplitterten Landes wurden. Moderne Bildungseinrichtungen prägten mit ihren Lehrbüchern eine gemeinsame Vision von Chinas Zukunft.

Ein besonderer Fokus der Ausstellung liegt auf der urbanen Druckkultur und dem sich verändernden Frauenbild in den Metropolen.  Frauen wurden in dieser Zeit zu Symbolfiguren gesellschaftlicher Modernisierung: Ihr Eintritt in Bildung, Beruf und Öffentlichkeit machte sie zur Projektionsfläche politischer Debatten über Emanzipation und Nation. Das körperbetonte Qipao-Kleid mit Stehkragen wurde zur visuellen Formel für die urbane, gebildete „neue Frau“, welche zugleich für gesellschaftliche Teilhabe und politische Debatten über Emanzipation stand. Möglich wurde dies unter anderem durch neue Drucktechnologien im Zuge der Mechanisierung, die Bilder und Texte erstmals massenhaft verbreiteten.

Theater, die multimediale Bühne der Moderne
Das Theater diente als Bühne, auf der Politik, Identität und gesellschaftlicher Wandel ausgehandelt wurden - eine völlig neue Funktion im China jener Zeit. Bühnenstars waren die Influencer:innen ihrer Zeit, sie wurden gefeiert, Berichte über sie in landesweit verbreiteten Medien publiziert. Theater, Druckgrafik und Populärkultur erreichten eine breite Öffentlichkeit und gestalteten die Moderne aktiv mit.

Konsum als patriotisches Projekt
Besonders spannend: Die Ausstellung thematisiert die Entstehung einer Konsumkultur, die eng mit der Nationenbildung verknüpft war. Die Nationale Produktbewegung förderte „nationale" Produkte und lokale Herstellungen und limitierte den Import von ausländischen Waren. Verbraucherkultur galt als integraler Bestandteil des Aufbaus einer starken Nation.

Druckfrisch aus den Zwanzigern zeigt eindrucksvoll, wie sich über den Einfluss von Druckmedien Massenproduktion das Lebensgefühl einer ganzen Generation veränderte. Gleichzeitig macht die Ausstellung den historischen Kontext der Sammlung sichtbar und erzählt ein faszinierendes Kapitel transkontinentaler Museumsgeschichte.“, sagt Ricarda Brosch, Kuratorin der Ausstellung. 

Einzigartige deutsch-chinesische Forschungskooperation
Der Großteil der weltweit einzigartigen Druckgrafiksammlung kam durch eine der frühesten deutsch-chinesischen Forschungskooperationen ins Museum. Zwischen 1927 und 1932 gelangten die Objekte durch die Zusammenarbeit zwischen der Academia Sinica in Nanjing und dem damaligen Museum für Völkerkunde Hamburg nach Deutschland. Initiiert wurde diese Kooperation von Cai Yuanpei (1868-1940), unter dessen Leitung die Academia Sinica zum intellektuellen Zentrum der jungen Republik werden sollte.

Die nahezu 1300 populäre Drucke umfassende Sammlung des MARKK, aus der eine Auswahl in der Ausstellung zu sehen ist, wird im Rahmen eines durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekts untersucht. "Bemerkenswert an der Drucksammlung des MARKK ist, dass chinesische Forscher Anfang der 1930er an ihrer Entstehung beteiligt waren, was es sonst in kaum einem ethnologischen Museum gab. Diese Zusammenarbeit beeinflusste gewissermaßen das Chinabild, dass das Museum in seinen Ausstellungen lange vermittelte.", erklärt Bernd Spyra(Albert-Ludwigs-Universität Freiburg), Co-Kurator der Ausstellung. Alle Drucke werden grundlegend erschlossen und über die Website des Museums zugänglich gemacht.

„Diese Ausstellung zeigt einen besonderen Sammlungsteil des Museums der eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs in China markiert. Das Zusammenspiel von aussagekräftigen Drucken und den dazu ausgewählten Objekten und Mode-Ensembles erzählen die Geschichte besonders eindrücklich.“, so Barbara Plankensteiner, Direktorin des MARKK.

Die Ausstellung wird durch den Ausstellungsfonds der Behörde für Kultur und Medien Hamburg, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Mara und Holger Cassens Stiftung und den Freunde des Museums am Rothenbaum e.V. gefördert. Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm und eine Ausstellungspublikation begleiten die Schau.


Öffnungszeiten:
Dienstag – Mittwoch: 10:00 – 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 – 21:00 Uhr
Freitag – Sonntag: 10:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: markk-hamburg.de