Einmal jährlich wird im Museum August Macke Haus ein Brückenschlag vom Expressionismus in die zeitgenössische Kunst gewagt. Ausgangspunkt ist das Werk von August Macke, das im Künstlerhaus in einer Dauerausstellung zugänglich ist und Macke als Gesamtkunstwerker zeigt. In der geplanten Sonderausstellung geraten Werke der klassischen Moderne und 12 spannende Positionen der Gegenwartskunst in einen Dialog.

Wie andere Handarbeiten auch ist Sticken heute wieder überall präsent: in der Mode, in der Raumdekoration wie in der Kunst. Der Widerspruch beziehungsweise die ironische Spannung zwischen dem althergebrachten Medium und den modernen Inhalten ist von großem Reiz, Selbstgemachtes als Antwort auf Industrialisierung und Ent-Individualisierung steht hoch im Kurs und erscheint beinahe wie eine subversive Aktion. Vor diesem Hintergrund ist die Frage nach der Rolle und den Spielarten zeitgenössischer Kunst von besonderem Interesse. Wird heute Sticken als künstlerisches Material verwendet, hat dies eine besondere Aussagekraft – auch vor dem Hintergrund, dass hier immer noch eine weibliche Aura mitschwingt. In den Mädchenschulen war Sticken Teil des Unterrichts und sollte die von der Gesellschaft geforderten weiblichen Tugenden wie etwa Disziplin, Sittsamkeit und Sauberkeit herausbilden und wie Lesen, Rechnen und Schreiben vermitteln.
Der Expressionismus rückte mit der Stickerei das Gesamtkunstwerk in den Blick. August Macke, Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky, Gabriel Münter, Franz Marc und andere stickten, um ihre Malerei in den Raum und damit in den Alltag zu übertragen und Kunst und Leben miteinander zu durchdringen. In revolutionärer Weise sprengten die Künstlerinnen und Künstler dabei die Grenzen zwischen Kunst und Handwerk. Dabei blieb mit der Stickerei die Nähe zur bemalten Leinwand erhalten, denn es handelte sich um dieselbe Ausgangsbasis wie bei der Malerei: mit Pinsel und Stift ließen sich die Entwürfe auf den zu stickenden Stoff übertragen. Die Ausführung erfolgte durch die Frauen bzw. Lebensgefährtinnen der männlichen Künstler, die wie Gabriele Münter oder Maria Marc häufig selbst Künstlerinnen waren und auch ihre eigenen Entwürfe realisierten.
Doch wie gehen Künstlerinnen und Künstler heute mit diesem Medium um? Was fasziniert an der uralten, kleinteiligen und äußerst zeitaufwändigen Technik? Längst geht es heute nicht mehr um die Grenzüberschreitung von Kunst und Handwerk. Vielmehr wird die Stickerei als künstlerisches Ausdrucksmittel gesehen, das gleichwertig neben oder im Zusammenklang mit den klassischen Techniken wie Malerei, Zeichnung, Fotografie oder Plastik steht. Der Umgang mit dem Material weist eine ebenso große Bandbreite auf wie der inhaltliche Radius.

So hinterfragen Suscha Korte und Sylvie Hauptvogel ganz unmittelbar historische Kontexte und Erwartungshaltungen. Barbara Wrede zeichnet gleichsam mit dem Faden ihren figurativen Kosmos menschlicher Abgründe aus Realem und Irrealem, Verzweiflung und Humor. Jochen Flinzer spinnt auf beiden Seiten des Bildträgers ein feines Netz aus Fäden, wobei Gegenstand und Abstraktion, Subjektives und Objektives ein zusammenhängendes Pendant ergeben, das sich im Arbeitsprozess entwickelt. Gisoo Kim greift in ihrer Stickerei in ihre eigenen Schwarz-Weiß- Fotografien ein. Indem sie den Bildträger durchsticht und mit farbigen Fäden durchzieht, Wegeführungen betont, Gegenstände eliminiert oder mit Akzenten versieht, entsteht etwas vollständig Neues, wird das Dokumentarische wieder außer Kraft gesetzt. Claudia Kallscheuer arbeitet mit Fundstücken, die zum Bildträger werden. Und während Robert Abts Gedankenverbindungen ins Dreidimensionale überführt, tastet sich Angelika Frommherz mit ihren fragilen, reliefartigen Arbeiten in den Raum vor. Alexandra Knie untersucht demgegenüber die Überschneidung von Kunst, Handwerk und Wissenschaft, Vanessa Oppenhoff erfindet ironisch-bissige Comicgeschichten als Kommentare zum aktuellen Zeitgeschehen. Und Bea Meyer beschäftigt sich konzeptionell mit Muster, Rhythmus und Takt, mit der Gleichzeitigkeit von An- und Abwesenheit, von Selbstwahrnehmung bis hin zu Fremd- und Selbststeuerung.

Es sind die gesellschaftlichen Rollenverhältnisse und allgemeine Fragestellungen, die in den zeitgenössischen Arbeiten thematisiert werden. Und der zeitaufwendigen, akkuraten Arbeitsweise wird auch die Schnelllebigkeit unserer Zeit hinterfragt.

Kuratorin: Dr. Ina Ewers-Schultz. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

„Große Kunst und Handarbeit verschmilzt auf den ersten Blick nicht unbedingt zu einem Paar. Dass Handarbeit auch anders kann, zeigt ganz eindrücklich dieses Ausstellungsvorhaben, das die Ernst von Siemens Kunststiftung sehr gerne unterstützt hat“, freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Die Ausstellung wird gefördert von der Ernst-von-Siemens-Stiftung, der Stiftung Kunst der Sparkasse in Bonn, der Carl Knauber Holding GmbH & Co. KG, dem LVR sowie der Stadt Bonn.