Assembly Line (dt.: Fließband) ist eine seit 2010 fortlaufende Serie von Videoarbeiten des chinesischen Künstlers Li Xiaofei. Er untersucht im direkten Umfeld von Warenproduktion filmisch Prozesse des sozialen Wandels vornehmlich in China, aber auch auf globaler Ebene. Derzeit gibt es zwei Phasen des Projekts: Die erste Phase von 2010 bis 2013 konzentrierte sich nicht nur auf Video als Form, sondern auch als Werkzeug zur Analyse der Fließbandarbeit. Während dieser Zeit drehte Li nacheinander in den Deltas des Jangtse und des Perlflusses, in Schweden, Norwegen, den USA und Neuseeland, und erschloss über 100 verschiedene Fabriken, wobei er einen Dialog mit Menschen unterschiedlicher Positionen innerhalb der Produktion führte. Li verwendete damals eine bestimmte Form der "Echtzeit"-Aufnahmetechnik, gemischt mit Anleihen an den Dokumentarfilm, um die Aufnahmen anschließend zu fragmentieren, zu verweben und in der Um- und Neustrukturierung sowie Transformation das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine zu beleuchten. Er selbst spricht von einer „illusorischen Realitätsrekonstruktion“, die er in seinen Videoinstallationen und Mehrkanalprojektionen auf den Ausstellungsraum hin anpasst.

Nach Ansicht von Li Xiaofei herrscht am Fließband eine Produktionsweise, die vom kapitalistischen Verlangen getrieben wird – es ist repetitiv, beständig, mechanisch, emotionslos. Gleichzeitig ist es hocheffizient und kann das Produktionsvolumen sinnvoll erweitern, um die maximale Wertschöpfung zu erzielen. Seine Beobachtung der eintönig erscheinenden Wiederholung und gleichmäßigen Beständigkeit am „Montageband“ bezieht sich nicht nur auf die Maschinen, sondern auch die Menschen „dazwischen“ und schließlich auf die Produkte selbst.

In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in Deutschland zeigt Li Xiaofei im Kunstraum München neun Videoarbeiten, deren Schwerpunkt auf seinem jüngeren Schaffen der letzten zwei Jahre liegt. Seit 2013 erforscht der Künstler auch das, was außerhalb der Ordnung des Fließbands, der kapitalistischen Fabrik, der Konsum- gesellschaft, des sozialen Fortschritts und der sozialen „Vorgaben“ liegt: die Realität der Menschen, die in einem hoch systematischen und institutionalisierten Umfeld leben und agieren. In den letzten vier Jahren verfolgte er verschiedene künstlerische Ansätze, wobei nun auch „Alltagsmomente“ Eingang finden und eine nicht narrative Methode verwendet wird; ergänzend zum Arbeitsumfeld werden Landschaften und Gebäude abgebildet, Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt, von Detailbeobachtungen hin bis zur Totalen. Nach wie vor scheinen die Aufnahmen unauffällig produziert, die Szenen sehen alltäglich aus, doch durch diese Verschiebung bzw. Erweiterung scheint die Empathie des Künstlers mit den Arbeitnehmer*innen und Produzent*innen durch, die Frage nach den sozialen Umständen seiner „Protagonist*innen“ gewinnt an Bedeutung.

Der Kunstraum München freut sich, Li Xiaofeis jüngste Arbeiten seines Assembly LineProjektes zeigen zu können. Am 29. März zeigt der Kunstraum eine Auswahl weiterer Filme im Werkstattkino (Fraunhoferstr. 9) und bietet ein Gespräch mit dem Publikum an.

Li Xiaofei wurde 1973 in der chinesischen Provinz Hunan geboren. Er lebt und arbeitet in Shanghai und New York. Nach Abschluss der Guangzhou Academy of Fine Arts erhielt er mehrere Stipendien und Auszeichnungen, darunter das Iaspis International Residency Grant, Stockholm, Schweden (2013) und das Sovereign Foundation Fellowship des Asian Cultural Council, New York, USA (2011). Er initiierte 2010 Assembly Line, ein laufendes Projekt, das den industrialisierten sozialen Wandel nicht nur in China, sondern auch international aufzeichnet. Lis Arbeiten wurden international in Einzel- und Gruppen- ausstellungen gezeigt, darunter: Seven Necessities - Ein Fließbandprojekt von Li Xiaofei, OCAT Xi’An, China (2017); 5. Mediations Biennale Poznan, Polen (2016); Bi-City Biennale of Urbanism / Architecture (2013, 2017) „OVERTIME: THE ART OF WORK“, Kunstgalerie Albright-Knox, Buffalo, New York, USA (2015); Barents Spektakel 2015, Kirkenes, Norwegen; 10. Shanghai Biennale (2014); 8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst (2014); 60. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen (2014); „Descriptive Acts“, San Francisco Museum of Modern Art (2012); „Melancholie im Gange“, 2012 Taiwan International Video Art Exhibition.

Die Ausstellung wird gefördert durch das Kulturreferat München. In Kooperation mit dem Konfuzius-Institut München, dem Werkstattkino München und dem Kino der Kunst.

Chongming Island © Kunstraum, Li Xiaofei
19.03. - 26.04.2020

Li Xiaofei: Assembly Line

Kunstraum München

Holzstr. 10, Rgb.
80469 München