Nahezu ein Jahrzehnt nach Eröffnung der Gartenhallen wird die Sammlung Gegenwartskunst im Städel Museum zum ersten Mal neu präsentiert. Ausgehend vom zentralen Platz der Gartenhallen und beginnend mit Hauptwerken der jüngeren und jüngsten Zeitgenossenschaft fächert sich eine Geschichte der Kunst nach 1945 auf. Arbeiten aus verschiedenen Schulen, Stilen und Gruppen eröffnen überraschende Vergleiche, Blickwinkel und Sichtachsen zwischen der unmittelbaren Gegenwart und ihren Wurzeln in den zurückliegenden Jahrzehnten. Durch mehrere Erzählstränge ermöglicht die Neupräsentation einen Zugang zur Kunst nach 1945, der die Sammlung bewusst nicht chronologisch, sondern thematisch erfahrbar macht. Die Auflösung des abgebildeten Gegenstandes in abstrakte, formlose Malereien wird ebenso Dekaden übergreifend vermittelt wie der gleichzeitige Einzug der gestischen Malerei und ihre Auswirkungen auf die nachfolgenden Jahrzehnte. Auch die immer wieder mit neuen Bedeutungen und Referenzen aufgeladene Ästhetik der Geometrie und der Dinge des alltäglichen Lebens wird in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und thematischen Bezugspunkten gezeigt. Im Gang durch die offenen Räume der Gartenhallen kann das Publikum nachvollziehen, wie die Figur wieder zurück ins Bild findet, die Malerei den – realen – Raum erobert oder die scheinbar konkurrierenden Medien Malerei und Fotografie zu einem wechselseitigen Austausch finden.

In der neu konzipierten Zusammenstellung werden die wesentlichen Erzählstränge der Sammlung Gegenwartskunst im Städel fortgeführt sowie neu und vielschichtigerverknüpft. So steht Wolfgang Tillmans’ formlose, gestische Fotografie neben Werkenvon K.O. Götz oder Raymond Hains, die Skulpturen Jessica Stockholders und Isa Genzkens begegnen Blinky Palermos Stoffbild oder Yves Kleins Schwammrelief. Daniel Richters abstrakt-figurative Malerei verknüpft sich mit Francis Bacons Porträt und Carsten Nicolai mit Victor Vasarelys Op-Art. Dirk Skrebers fotorealistisch anmutende Malerei trifft auf Thomas Demands konstruierte, fotografisch festgehaltene Räume. Jenseits der scheinbar vertrauten Pfade der Kunst nach 1945 werden verschiedene Gegenwarten sichtbar: unterschiedlichste Lesarten und Zugänge zur Kunst dieser Zeit, die zuweilen parallel verlaufen, sich überschneiden oder ergänzen, einander widersprechen und kommentieren. Das Ergebnis ist ein Parcours durch sieben Jahrzehnte Gegenwartskunst, der es dem Publikum ermöglicht, seine eigene Kunstgeschichte auf individuelle Weise und nach eigenen Interessen zu begreifen. Insgesamt umfasst die Neupräsentation auf annähernd 3000 qm2 Ausstellungsfläche rund 250 Arbeiten von 170 Künstlerinnen und Künstlern. Damit ist auch eine Vielzahl an jüngsten Neuerwerbungen und Schenkungen zu sehen, etwa Arbeiten von Miriam Cahn oder Victor Vasarely – ein Großteil wurde seit 2007 vom Städelkomitee 21. Jahrhundert für die Sammlung Gegenwartskunst angekauft.

Die Gartenhallen wurden im Februar 2012 für die Präsentation der Sammlung Gegenwartskunst eröffnet. Ermöglicht wurde dieser Erweiterungsbau durch die Unterstützung der Bürgerschaft und durch das Engagement des Städelschen Museums-Vereins, der Städte Frankfurt und Eschborn, des Landes Hessen, der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung sowie weiterer Stiftungen und zahlreicher Unternehmen. Die Sammlung Gegenwartskunst im Städel Museum wird bis heute durch großzügige Schenkungen von privaten Mäzenen sowie durch Erwerbungen des Städelkomitees 21. Jahrhundert erweitert und hat wichtige Werke aus den Unternehmenssammlungen der Deutschen Bank sowie der DZ BANK als Leihgaben erhalten.

Kurator: Dr. Martin Engler (Sammlungsleiter Gegenwartskunst, Städel Museum)Projektleitung: Svenja Grosser (Wissenschaftliche Volontärin, Städel Museum)