Die Auswirkungen der heutigen Konsumgesellschaft auf die Umwelt sind allgegenwärtig. Sei es, dass wir sie mit unseren eigenen Sinnen erfahren und darüber im Alltag diskutieren, sei es, dass wir entsprechende Berichterstattungen Tag für Tag in den Medien verfolgen können. Vom Klimawandel ist dort die Rede, von der Verknappung der Ressourcen oder der Vermüllung der Meere. Vor gesundheitlichen Folgen wird ebenso gewarnt wie vor wirtschaftlichen und sozialen. Der Ruf nach der Notwendigkeit eines Umdenkens ist längst nicht mehr zu überhören. Dabei zeigt sich die Debatte um die ökologischen Folgen der Wohlstandsgesellschaft von einer Vielzahl an Meinungen geprägt: Politische Diskussionen kreuzen wissenschaftliche Stellungnahmen, in den Wirtschafts- magazinen wird über die Grenzen des Wachstums ebenso spekuliert wie in den Feuilletons. Der Begriff des Anthropozäns und damit die Idee eines neuen, maßgeblich von der Menschheit beeinflussten Erdzeitalters haben Hochkonjunktur. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Kunst, die immer wieder den Anspruch erhebt, an gesellschaftlich relevanten Debatten wie diesen Anteil zu haben?

Zahlreiche Künstler*innen der letzten Jahre widmen sich in ihren Arbeiten virulenten Fragen, wie etwa denjenigen nach einem verantwortungsvollen Umgang mit bestehenden Ressourcen, dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur oder möglichen Recyclingstrategien. Damit greifen sie zum Teil Themen wieder auf, die bereits in den 1970er und 1980er Jahren verhandelt wurden.

Ausgehend von ausgewählten Beispielen der letzten 40 Jahre präsentiert die Ausstellung zeitgenössische Werke, die sich unter verschiedenen Aspekten mit den wechselseitigen Einflüssen zwischen der sich zunehmend globalisierenden Wegwerfgesellschaft und ihrer Umwelt beschäftigen. Diese aktuellen Positionen beobachten, dokumentieren und kommentieren die Veränderungen und Spuren, die Nutzung und Ausnutzung unserer Lebensgrundlagen hinterlassen. Das heutige Verhältnis zwischen Natur und Zivilisation wird ebenso in den Blick genommen wie das vielgestaltige Phänomen des Abfalls. Auch natürliche Rohstoffe wie Wasser oder fossile Ressourcen sind Gegenstand der künstlerischen Betrachtung. Dabei werden grundlegende Fragen nach der Materialität von Kunst berührt. Ein wesentlicher Fokus liegt auf der Untersuchung des transformativen Charakters von Stoffen, sei es in Bezug auf die Wandlungsfähigkeit des Materials, sei es in Bezug auf neue Wertzuschreibungen. Hier treffen sich der Begriff der Ressource im Sinne der Lebensgrundlage und die klassische Vorstellung des Werkstoffs, der nach einer geistigen Idee künstlerisch weiterverarbeitet und zu einer Form wird.

Ein Thema, das viele Künstler*innen immer wieder beschäftigt, ist das der natürlichen Ressourcen wie Kohle, Edelmetalle oder Wasser. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Wasser etwa ist eng mit der Idee des Kreislaufs verknüpft. Dafür sind die inzwischen historischen Aktionen von Joseph Beuys auf dem Rhein oder von Klaus Rinke an den Weltmeeren Beispiel. Damit verbundene Fragestellungen bleiben für die heutige künstlerische Auseinandersetzung aktuell. Tue Greenfort nähert sich aus einer dezidiert ökologischen Perspektive der Frage nach den Auswirkungen der Industriegesellschaft und fertigt Versuchsanordnungen, die sich mit Aspekten wie Kreislauf, Energiefluss oder Wachstum beschäftigen. Alicja Kwade betont mit ihren skulpturalen Arbeiten die Transformationsfähigkeit und Mehrdeutigkeit der Materialien wie Gesteine oder Metalle. Julian Charrière schafft multimediale Arbeiten, in denen er die Folgen vom Abbau seltener Erden untersucht oder unsere Wahrnehmung einer vermeintlich unberührten Natur auf den Prüfstand stellt.

Auch die sich im Industriezeitalter unter menschlichem Einfluss verändernde Umweltist ein wiederkehrendes Thema in der Kunst der letzten 40 Jahre. Die dokumentarischen Fotografien von Bernd und Hilla Becher legen nicht nur Zeugnis einer mittlerweile vergangenen Industriekultur ab. Gerade in ihrer Sachlichkeit halten sie die Industriebauten mit ihren organisch wirkenden Auswüchsen auch als Hybridwesen zwischen gewachsener Natur und zivilisatorischen Eingriffen in dieselbe fest. Susanne Kriemann bewegt sich mit ihren fotografischen Arbeiten auf der Grenze zwischen Kunst und Wissenschaft. Auf ästhetische Weise dokumentiert sie die Spuren der industrialisierten Welt und veranschaulicht gleichzeitig, wie Zivilisation und Umwelt untrennbar miteinander verwoben sind.

Ein weiterer Aspekt der Ausstellung ist der des Abfalls in der Kunst. Das Interesse an gemeinhin als wertlos erachteten Objekten, gepaart mit der kreativen Lust neue, vielleicht auch provokante Sinnzusammenhänge herzustellen, hat in der Kunst des 20. Jahr- hunderts Tradition. Das Aufkommen von Abfall kann als Spiegelbild menschlicher Zivilisation gesehen werden, der in seinen heutigen Ausmaßen und in seiner oftmals eingeschränkten Wiederverwertbarkeit den Umgang mit ihm vor neue Herausforderungen stellt. Dass diese Abfallprodukte keineswegs verschwinden oder vollständig entsorgt werden können, sondern in immer neuen Formen Bestandteil unserer Umwelt bleiben, dafür finden viele der Ausstellungsexponate eine bildliche Sprache.

Klara Lidén betont mit ihren installativen Arbeiten der Mülleimer die skulpturale Qualität von wenig beachteten und aussortierten Objekten. Krištof Kintera verwandelt Elektroschrott wie Kabel und ausrangierte Handys zu wild wuchernden Pflanzen. BeiBjörn Braun werden von Vögeln gebaute Nester zu Zeugnissen veränderter Umweltbedingungen, wenn er die Tiere statt Zweigen oder Blättern künstliche Materialien wie Plastikschnüre verwenden lässt.

Die Arbeiten der 25 Künstler*innen verstehen sich keineswegs als bildnerische Lösungsansätze für die drängenden Probleme unserer Konsumgesellschaft. Gleichwohl entwerfen sie mit ihrem kreativen Potential Bilder für utopische oder dystopische Gegenwarts- und Zukunftsszenarien, wie sie momentan auf vielen Ebenen durchdacht und diskutiert werden.

Künstler*innen:
Nándor Angstenberger, Bernd und Hilla Becher, Michael Beutler, Joseph Beuys / Nicolás García Uriburu, Björn Braun, Nina Canell, Julian Charrière, Tony Cragg, Tue Greenfort, Andreas Gursky, Georg Herold, Roni Horn, Markus Jäger / ONUK Bernhard Schmitt,Krištof Kintera, Susanne Kriemann, Alicja Kwade, Klara Lidén, Agnes Märkel, SigmarPolke, Mario Reis, Klaus Rinke, Lois Weinberger.

Katalog:
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Beiträgen von Christina Korzen und Heike Weber im Michael Imhof Verlag, Petersberg. Er kostet an der Museumskasse 19 Euro.


Öffnungszeiten:
Mittwoch - Freitag: 10:00 - 18:00 Uhr
Samstag . Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr
Montag - Dienstag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: staedtische-galerie.de

07.03. - 13.09.2020

(Un)endliche Ressourcen? Künstlerische Positionen seit 1980

Städtische Galerie Karlsruhe

Lorenzstr. 27
76135 Karlsruhe