In der Sonderschau werden Plastiken und Zeichnungen zweier Künstler unterschiedlicher Herkunft und Generation ausgestellt, deren Werke jedoch gleichermaßen tiefe Einblicke gewähren. Der 1982 in der Präfektur Shiga geborene Japaner Shinichi Sawada, bei dem schon früh Autismus diagnostiziert wurde, teilt sich durch seine fantasievollen Keramiken mit. Alfred Kremer, 1895 in Regensburg geboren, schafft in seinen letzten Lebensjahren von 1962 bis 1965 kleinformatige Tuschen, in denen inneres Erleben und äußere Ereignisse, unterdrückte Ängste und verborgene Wünsche eines von zwei Weltkriegen gezeichneten Mannes zutage treten.

Shinichi Sawada beginnt im Jahr 2000 in einer örtlichen Sozialeinrichtung für geistig beeinträchtigte Menschen mit Ton zu arbeiten. Seither entwickelt er dort in einer in den Bergen errichteten einfachen Werkstatt mit Brennofen seine unverkennbaren Keramiken. Es sind fantastische Kreaturen, plastische Variationen von etwa fünfzehn verschiedenen Motiven mit spezi schen sich wiederholenden Merkmalen.

Mit ihren stachelartigen Ober ächen zeigen sie einen ganz eigenen Kosmos. Da Sawada jedoch kaum verbal kommuniziert, ist wenig über die Ursprünge und Hintergründe seiner Ideen bekannt. Lediglich der Hinweis, es handele sich um Meerestiere, stammt von ihm selbst. Auf der 55. Biennale in Venedig 2013 wurden seine eigenwilligen Arbeiten im „Enzyklopädischen Palast“ gezeigt. Diese Hauptausstellung der Kunstschau verschaffte dem Japaner eine große Öffentlichkeit und entkoppelte sein Schaffen erstmals vom Kontext der Outsider Art.

Alfred Kremer dient von 1914 bis 1918 an der Westfront, wo er kurz vor Kriegsende bei lebendigem Leibe verschüttet wird. Er überlebt, doch die Ereignisse begleiten ihn zeitlebens. Nach dem Krieg studiert er zunächst Malerei an der Kunstgewerbeschule in München und anschließend Leibesübung in Berlin. Von 1925 bis 1940 unterrichtet Kremer Sport und erhält gleichzeitig einen Posten als Sportjournalist beim Bayerischen Rundfunk. Seine letzten Lebensjahre sind überschattet von einer schweren chronischen Gelenkerkrankung, die ihn drei Jahre vor seinem Tod 1965 aufs Krankenlager in Weilheim zwingt. Den Tod vor Augen, in seiner Beweglichkeit stark eingeschränkt, schafft er eine Fülle an ausdrucksstarken Zeichnungen, die nicht nur seine körperliche Lebenssituation, sondern auch seinen seelischen Zustand widerspiegeln. In Bild-Serien setzt er sich, einem Akt der Selbstbefreiung gleich, rückblickend, aufbegehrend, anklagend, aber auch sehnsuchtsvoll mit Tieren und Menschengestalten, Kreuzigung und Fegefeuer, Sexualität und Religion, Leben und Tod auseinander. Bereits 1964 würdigt die Staatliche Graphische Sammlung in München ihn mit einer Werkschau.

Beide Künstler, Shinichi Sawada und Alfred Kremer, sind Einzelgänger, deren eindringliche Arbeiten in Zwiesprache mit ihrem Innersten entstehen. In der Ausstellung „Innen- Leben“ werden sie im Dialog miteinander für die Außenwelt sichtbar.

Ohne Titel (48), 2012 Keramik, 37 x 18 x 18 cm
23.02. - 19.07.2020

Innen-Leben. Shinichi Sawada, Keramik Alfred Kremer, Tusche

Museum Lothar Fischer

Weiherstraße 7 a
92318 Neumarkt i.d.OPf.