Die Ausstellung basiert auf der Bergen Assembly 2019, einer Triennale für zeitgenössische Kunst in Bergen, Norwegen, deren künstlerische Leiter*innen 2019 die Direktor*innen des Württembergischen Kunstvereins, Hans D. Christ und Iris Dressler, waren.

Christ und Dressler hatten für die Bergen Assembly 2019 zehn weitere Kurator*innen eingeladen, mit ihnen gemeinsam den Begriff der Assembly, der Versammlung, auszuloten. Dabei ging es auch um die Frage nach den Verbündeten im Rahmen kollektiver emanzipatorischer Prozesse und inwiefern die Toten, genauer, diejenigen, die nicht mehr oder noch nicht leben, relevant für diese Prozesse sind. Dieser Aspekt bildete schließlich den inhaltlichen Kern der Bergen Assembly 2019 mit ihrem auf Alexander Kluge und Heiner Müller beruhenden Titel Actually, the Dead Are Not Dead.

Ein zentrales Anliegen der Bergen Assembly 2019 und des Württembergischen Kunstvereins war bzw. ist es, die jeweiligen Infrastrukturen als Plattformen langfristiger Prozesse und Beziehungen zwischen Künstler*innen, Institutionen und dem Publikum bzw. den Beteiligten und Nutzer*innen zu begreifen.

In diesem Sinne knüpft das Programm des Württembergischen Kunstvereins im gesamten Jahr 2020 an die Bergen Assembly 2019 an. Während sich der zweieinhalbjährige vielschichtige kuratorische Prozess in Bergen im September 2019 in Form einer neunwöchigen Ausstellung an fünf verschiedenen Orten zuspitzte, möchten wir diesen Prozess in Stuttgart wieder auffächern: im Rahmen von drei zeitlich hintereinander folgenden, zugleich in sich geschlossenen und aufeinander bezogenen Ausstellungskapiteln, die die Denkansätze und Ergebnisse der Bergen Assembly 2019 aufgreifen, weiterführen und zugleich neu anordnen. Einige Werke werden dabei auch zwischen den verschiedenen Teilen zirkulieren, also wiederholt in jeweils anderen Zusammenhängen auftauchen.

Der erste Teil der Stuttgarter Ausstellungsreihe kreist um das Leben – um ein Verständnis von Leben jenseits der binären Oppositionen zwischen Leben und Tod, Natur und Kultur, Mensch und Tier, Subjekt und Objekt, gesund und krank, Vergangenheit und Zukunft.

Die Ausstellung geht der Frage nach, wie sich unsere Beziehungen zu denen, die nicht mehr oder noch nicht leben, neu definieren lassen: im Sinne der Verantwortung für das vergangene und kommende Leben. Dies bezieht die Auseinandersetzung mit dem Erbe ungelöster sozialer Konflikte wie im Falle von Kriegstraumata ebenso ein wie die Sorge um den Planeten und dessen Ressourcen.

Es geht um den Kampf gegen die vorherrschenden Politiken des Todes: Politiken, die den physischen und sozialen Tod von Tausenden von Arbeiter*innen aus Profitdenken billigen, die sich in der Zerstörung des Planeten oder der Gewalt gegenüber "anderen" Körpern manifestieren.

Dieser Kampf erfordert andere Modelle, als die des Heroischen und Triumphalen. Er basiert auf emanzipatorischen Praktiken, bei denen Stärke und Verletzlichkeit, Trauer und Freude, die Lebenden und Toten zusammengehören.


Künstler*innen:
Eva Egermann, Valérie Favre, Robert Gabris, María Galindo, Niklas Goldbach, Suntag Noh, Sunaura Taylor und andere