Die Werke der französischen Konzeptkünstlerin Sophie Calle (*1953), einer der profiliertesten Künstlerpersönlichkeiten der Gegenwart, sind Dokument und Erfindung, Wirklichkeit und Fiktion zugleich. Sophie Calle ist eine virtuose Erzählerin, die ihre Geschichten im Spannungsfeld von fotografischem Bild und Text ausbreitet und die Imaginationskraft des Betrachters einbindet. Ihre präzise inszenierten Gegenüberstellungen von Fotografie und Text thematisieren sowohl das eigene Leben als auch das der Anderen und machen weder vor der persönlichen noch vor der fremden Intimsphäre Halt. Anhand von existentiellen Themen wie Blindheit, Liebe, Verlust, Trauer und Geschichtskultur rücken die verschiedenen Werkgruppen das Abwesende und dessen Weiterleben in der Erinnerung in den Mittelpunkt. Ausgehend von gesellschaftlichen Beobachtungen, autobiografischen Fragestellungen, Recherchen und Interviews entsteht ein Netzwerk gesammelter und inszenierter Spuren, das den inneren Bildern, Assoziationen und Vorstellungen eine unausweichliche Präsenz verleiht.

Reflexionen über die eigenen familiären Beziehungen, Tod, Trauer sowie die Frage, wie wir mit diesen Emotionen im Privaten und in der Öffentlichkeit umgehen, sind zentrale Themen der drei Werkserien »Les Tombes« (Die Gräber) (1990), »Ma mère, mon chat, mon père, dans cet ordre« (2012-2019) und »Série Noire« (2018). An was erinnern wir uns? Wie zuverlässig sind Erinnerungen, und welche Formen nehmen sie an? In »Detachment« (Die Entfernung) (1996) fängt Sophie Calle die Leerstellen und die unterschiedlichsten Erinnerungen an entfernte Denkmäler aus der DDR Zeit in Berlin ein. Ausgangspunkt von »La Dernière Image« (Das letzte Bild) (2010) und »Les Aveugles« (Die Blinden) (1986), ist die Befragung von im Laufe ihres Lebens blind Gewordenen nach ihrer Erinnerung an das letzte Bild, das sie sahen, oder von blind Geborenen nach ihrer Vorstellung von Schönheit. Das Abwesende, die Fragilität der Erinnerung und die Kraft der Imagination spielen in all diesen Werken Sophie Calles eine zentrale Rolle. Anknüpfend an die zweiteilige Ausstellung Sophie Calles im Fotomuseum Winterthur und Kunstmuseum Thun in der Schweiz 2019 zeigt die Einzelausstellung nach 15 Jahren eine der umfangreichsten Werkschauen Sophie Calles in Deutschland. Die Ausstellung wurde von ARTER produziert.