Wie kein anderer Künstler seiner Zeit hat sich Richard Jackson der radikalen Erweiterung der Malerei verschrieben. Der US-amerikanische Künstler sprengt die formalen Grenzen des Malerischen und schafft Situationen, in denen er den Farbauftrag durch den Einsatz von Maschinen mit dem Prozesshaften verbindet. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert erstmals in einer Ausstellung fünf der insgesamt zwölf existierenden, charakteristischen Rooms von Richard Jackson – Rauminstallationen, die auf dem Prinzip der automatisierten Malerei basieren. Zum Teil von allen Seiten, zum Teil nur durch Fenster oder Gucklöcher einsehbar, offenbart die Schirn Einblicke in Bed Room (Schlafzimmer, 2002), The Delivery Room (Kreißsaal, 2006/07), The Dining Room (Esszimmer, 2006/07), TheMaid’s Room (Dienstmädchenzimmer, 2006/07) sowie The War Room (Kommandozentrale, 2006/07). Jackson kombiniert kritische Kommentare zur Malerei mit sozialen Kontexten, paart sie mit provokativem Witz und Doppeldeutigkeiten sowie Referenzen auf ikonische Werke von Künstlern wie Marcel Duchamp, Robert Rauschenberg oder Jasper Johns. In den Räumen werden comicartige Figuren, Tiere oder Gegenstände zu Akteuren eines einmaligen Prozesses: Luftkompressoren und Pumpen lassen satte Farbe durch Schläuche und Trichter, durch Ohren, Münder und andere Körperöffnungen fließen, um sie jeweils auf Boden, Wänden, Einrichtung und den Protagonisten selbst zu verteilen. Die thematischen Zimmer dokumentieren eine vom Künstler losgelöste Malerei, die ins Räumliche expandiert. Wenn das Publikum die Fläche betritt, ist schon alles vorüber. Es wird zum Ermittler des vorausgegangenen spektakulären Malakts und zum Voyeur skurriler Szenarien.

Die Ausstellung „Richard Jackson. Unexpected Unexplained Unaccepted“ wird unterstützt von der Stadt Frankfurt am Main und gefördert durch die SCHIRN ZEITGENOSSEN.

Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, über die Ausstellung: „Richard Jacksons Rooms verbinden auf besondere Weise seine humorvolle wie provokative Kritik an Kunst und Gesellschaft. Die Schirn vereint nun erstmals fünf dieser eigensinnigen und bisweilen kruden Alltagsszenen, die der Künstler durch automatisierte Malmaschinen mit grellbunten Farben überzieht. Jackson gelingt hier eine beeindruckende malerische Setzung, mit welcher er seine Werke zerstört und damit erst kreiert.“

Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung, über den Künstler: „Richard Jackson betreibt seit den 1970er-Jahren eine konsequente Weiterführung der Malerei – bis hin zur maschinellen Herstellung von Gemälden, die sich in den Raum ausbreiten. Genau genommen handelt es sich dabei um den Versuch der Entpersonalisierung des Malprozesses. In Jacksons Arbeit sind das Kunstwerk und seine Herstellung identisch. Beides steht im Zentrum, beides kann getrennt voneinander betrachtet werden und fügt sich schließlich zu einer Einheit, zu einem Bild.“

Richard Jackson entwickelte seine Arbeitsweise, die dem sogenannten expanded painting(erweiterte Malerei) zugeordnet wird, vor dem Hintergrund des US-amerikanischen Kunstdiskurses der 1960er-Jahre, der durch den abstrakten Expressionismus und die konzeptuelle Minimal Art geprägt wurde. In den 1970er- und 1980er-Jahren stellte er die konkrete Herstellung eines Gemäldes aus Keilrahmen, darüber gespannter Leinwand und Farbe in den Vordergrund. Seine Wall Paintings malte der Künstler mit der noch nassen Bildfläche der Leinwand direkt auf die Museumswand und ließ diese dort mit dem Rücken zum Betrachter als Referenz auf den Entstehungsprozess hängen. Oder er stapelte Hunderte Leinwände zu dreidimensionalen Körpern und begehbaren Skulpturen im Raum, so dass nur noch die seitlich herausquellende Farbe auf die bemalten Flächen hindeutete. Damit reflektierte und kritisierte er gleichzeitig die institutionellen Konventionen und Sehgewohnheiten der Kunstwelt. Durch den Einsatz von eigens präparierten Fahrzeugen oder selbst gebauten Maschinen entwickelte er schließlich eine automatisierte und von der menschlichen Geste unabhängige Malerei, die auch seine Rooms charakterisiert. In diesen Installationen wird per Knopfdruck einmalig Farbe verspritzt, um ein dreidimensionales Gemälde zu schaffen.

Der Prototyp von Jacksons Rooms ist die nicht mehr erhaltene Arbeit The Bedroom, die als Experiment zwischen 1976 und 1982 entstand. Bezugnehmend auf Robert Rauschenbergs Bed(1955) baute Jackson ein komplettes Schlafzimmer mitsamt der Einrichtung nach und überzog den gesamten Raum von oben bis unten mit gestischen Farbspuren und -klecksen. In dieser ersten Version agierte der Künstler noch selbst als Maler. Die Schirn präsentiert das spätere Remake der Arbeit Bed Room (2002), in der Jackson das Mobiliar des Zimmers reduzierte und den Malakt vom mit Farbe gefüllten Bett ausführen ließ, das diese kreisförmig an der Decke des Zimmers verteilte, angehoben von einem rotierenden Lift.

Auch The Maid’s Room (2006/07) entwickelte Jackson in intensiver Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk: Marcel Duchamps ikonische Arbeit Étant donnés: 1° la chute d‘eau / 2° le gazd’éclairage (1946–1966). Jackson verlegte in seiner Neuinterpretation das Geschehen von einem Waldstück in einen Innenraum und veränderte elementare Motive, ersetzte etwa den bei Duchamp titelgebenden Wasserfall durch ein Waschbecken sowie die Gasleuchte durch ein Staubsaugerrohr, aus dem er Farbe spritzen ließ. Das zentrale Moment, der voyeuristische und zugleich eingeschränkte Blick der Betrachter durch ein Guckloch bzw. schmalen Fensterspalt auf einen nackten Frauenkörper mit gespreizten Beinen blieb jedoch erhalten. Mit der Arbeit referiert Jackson zugleich auf eine bereits von Duchamp zitierte künstlerische Darstellungstradition, in der das weibliche Geschlecht eine Metapher für die Lust am Schauen sowie das Schöpferische an sich darstellt, etwa auch bei Gustave Courbets Gemälde L’Origine du Monde (1866).

Diesen Aspekt greift auch The Delivery Room (2006/07) auf, eine martialische Geburtsszene in einem Kreißsaal, in der sich ein Arzt über eine gebärende Frau beugt. Um sie herum sind Säuglinge, Unterleibsprothesen, Farbeimer und explosiv im ganzen Raum verteilte Farbe zu sehen. Wie in vielen von Jacksons Installationen bekommt Farbe hier die Konnotation von Körperflüssigkeiten. Ein Mann, vermutlich der Vater, filmt mit seiner Kamera das Geschehen, das auf einen Monitor nach draußen übertragen wird. Nur von dort oder durch ein kleines rundes Fenster erhalten die Betrachter Einblick in das Geschehen. Die qualvolle Geburtsdarstellung verweist auch auf die Anstrengungen künstlerischen Schaffens und demontiert in der komisch- wüsten Inszenierung zugleich eine nicht zuletzt im abstrakten Expressionismus zelebrierte Heroisierung der malerischen Schöpfung.

The Dining Room (2006/07) zeichnet ein anderes groteskes Familienporträt, das Jackson in einen von allen Seiten offen einsichtigen Raum platziert. Mitten auf dem Esstisch im Zentrum hockt mit heruntergelassener Hose der Vater und lässt seinem Unmut buchstäblich freien Lauf. Bunte Farbe ist quer über Tisch, Geschirr, Boden und die restlichen Familienmitglieder verteilt, die apathisch an der Szene teilnehmen. In die Eskalation scheinen sie dennoch auf befremdliche Weise involviert. Durch Trichter und Kanister läuft Farbe in ihre Köpfe, um an anderer Stelle wieder herauszufließen und sich im Raum auszubreiten. Über dem Tisch verkündet ein Kronleuchter inblinkender Leuchtschrift „HOME SWEET HOME“.

Der Schauplatz der Installation The War Room (2006/07) ist ein politisches Schlachtfeld. Komplementärfarbige Entenfiguren in Militärmontur und mit rosa Brüsten als Augen stehen sich um einen polyedrischen Globus paarweise gegenüber und haben sich gegenseitig mit Farbe bespritzt, zwei weitere kopulierende Figuren verstecken sich in seinem Inneren. Die Weltkarte referiert auf die von Richard Buckminster Fuller patentierte Dymaxion Map, welche mit 20 gleichseitigen Dreiecken eine proportional korrekte Darstellung der Kontinente ermöglicht.

Jackson zeigt sie gespickt mit Ölfördertürmen im Miniaturformat, welche die kriegerische Szene schließlich als einen Kampf um knapper werdende Ressourcen entlarven. Wie The Dining Roomsteht dieser ebenfalls offene Raum auf einem puzzleartigen Boden. Er ist die für Jackson typische Lösung eines technischen Problems – der Schutz des Untergrunds beim Malakt. Gleichzeitig verweist das Puzzle auf den performativen Vorgang des Herstellens eines Kunstwerks und die Rezeption, die den malerischen Prozess rekonstruiert.

Richard Jackson (*1939) lebt und arbeitet bei Los Angeles, Kalifornien, wo er 1989 bis 1994 Skulptur und neue Formen an der University of California (UCLA) unterrichtete. Seine Werke wurden international in zahlreichen Ausstellungen präsentiert. 1997 war er auf der 4. Biennale in Lyon und 1999 auf der 48. Biennale in Venedig vertreten. 2013 widmete ihm das Orange County Museum of Art (OCMA) in Newport Beach, Kalifornien, eine Retrospektive, die anschließend in der Villa Stuck, München, und im Stedelijk Museum voor Actuele Kunst (S.M.A.K.), Gent, gezeigt wurde.

Die Ausstellung wird gefördert durch die SCHIRN ZEITGENOSSEN, einem Kreis privater Förderer junger Kunst an der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Die Schirn dankt Jan Bauer und Lena Wallenhorst, Oliver und Nicole Behrens, Olaf Gerber und Nicole Emmerling de Oliveira, Markus Hammer und Birgit Heller, Hartmuth und Lilia Jung, Andreas Lukic und Sunhild Theuerkauf-Lukic, Shahpar Oschmann, Björn und Kim Robens, Jörg Rockenhäuser und Vasiliki Basia, Reiner Sachs und Brigitta Bailly sowie Julia Schönbohm und Ralf Böckle für ihr Engagement.