Die neue Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie lenkt den Blick auf die Zeit zwischen dem Prager Frühling und dem Fall des Eisernen Vorhangs. Sie schöpft aus der Kunstsammlung des Journalisten Hans-Peter Riese, die er bei seinen Korrespondenten- Reisen im Ostblock zusammengetragen hatte. Das Herzstück der Sammlung, die Michaela Riese Stiftung, verwahrt heute das KOG. Im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung stehen abstrakte Positionen abseits der offiziellen Kunstproduktion der sozialistischen Tschechoslowakei. Den Auftakt zu dieser Präsentation bilden Fotografien von Barbara Klemm, die sie begleitend zu Rieses Berichten im östlichen Europa für die FAZ anfertigte. Eine zweite Ausstellung in der Bibliothek der Universität Regensburg widmet sich der kürzlich von Riese gestifteten Kunstbibliothek, die die Themen seiner Sammlung aufgreift.

Bis vor 30 Jahren teilte der Eiserne Vorhang Europa in Ost und West: eine politische Abgrenzung, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen hatte. Hans-Peter Riese, damals als westdeutscher Journalist im Osten unterwegs, gehörte zu den Mittlern zwischen beiden Seiten. Auf seinen Reisen in der Tschechoslowakei, der Sowjetunion, den USA sowie in Deutschland begegnete er zahlreichen KünstlerInnen. So entstand eine beeindruckende Sammlung, die er zusammen mit seiner Frau, der Journalistin Michaela Riese (1943–2000), aufbaute.

2008 überstellte Riese dem Kunstforum Ostdeutsche Galerie die Werke der Michaela Riese Stiftung. Nach mehreren Zustiftungen umfasst sie heute etwa 270 Nummern, darunter Mappen mit grafischen Blättern, Zeichnungen und Gemälde tschechischer und russischer, aber auch deutscher und polnischerKünstlerInnen. Die Ausstellung „reisen. entdecken. sammeln.“ würdigt den 20. Todestag von MichaelaRiese. Im Fokus steht eine Werkauswahl aus dem jüngsten Zuwachs von 2019, der über 100 Arbeiten umfasste.

Die Präsentation beginnt im großen Saal mit einigen Reportagen von Hans-Peter Riese zur kulturellen und politischen Situation im östlichen Europa. Begleitet werden sie von Fotografien, die Barbara Klemm auf den gemeinsamen Reisen im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufgenommen hat. In diesem Rahmen findet auch eine herausragende „Nagelarbeit“ von Günther Uecker ihren Platz.Der dicke Stapel der ZEIT, durchbohrt von zahlreichen Nägeln, mag eine Anspielung an die allgegenwärtige Zensur im Ostblock sein. Uecker schenkte und widmete ihn Riese 1985 als dieser seinen Korrespondentenposten in Moskau antrat.

Weitere Säle sind vier von Riese besonders geschätzten tschechischen Künstlern vorbehalten: Jirí Kolár, Jan Kubícek, Miloš Urbásek und Zdenek Sýkora.

Parallel zu der Ausstellung im KOG wird im schaufenster, dem Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek, eine Präsentation aus den Beständen der von Hans-Peter Riese neu begründeten und von nun an dort angesiedelten Bibliothek der Michaela Riese Stiftung gezeigt. Neben einer Auswahl an Kunstbänden sind auch kleinformatige Kunstwerke, Künstlerkarten und - korrespondenz sowie fünf weitere Fotografien von Barbara Klemm zu sehen.

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Wienand Verlag.

Am Puls der Zeit: Die Kunstszene in der Tschechoslowakei der 1960er Jahre
Im Vorfeld des Prager Frühlings 1968 führte die allmähliche Lockerung des sozialistischen Regimes in der Tschechoslowakei zur teilweisen Öffnung der Grenze zwischen Ost und West. Künstlerisch hatte das Land einiges zu bieten: Abseits der regimekonformen realistischen Kunst hatten sich verschiedene abstrakte Ansätze entwickelt. Kunstschaffende durften nun – wenn auch mit Einschränkungen – ins Ausland reisen und ausstellen. Westdeutsche Intellektuelle und Kulturinteressierte wiederum pilgerten nach Prag, angelockt unter anderem von der Vision einer Verbindung von Sozialismus und Demokratie, die sie hier vorgelebt glaubten.

So erging es auch Hans-Peter Riese. Zu dieser Zeit ein junger Student knüpfte er schnell Kontakte zu Kunsthistorikern um die Zeitschrift Výtvarná Práce (Gestaltende Arbeit). Diese machten ihn wiederum mit Künstlern bekannt. Einige dieser Freundschaften sollten ein Leben lang bestehen bleiben, auch, nachdem Riese 1973 aus politischen Gründen aus der Tschechoslowakei ausgewiesen wurde. 1967organisierte er die Ausstellung „Konstruktive Tendenzen aus der Tschechoslowakei“ an der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt. Beteiligt waren Hugo Demartini, Milan Dobeš, Jan Kubícek,Karel Malich, Zdenek Sýkora und Miloš Urbásek. Auf ihre Art knüpften sie an die Tradition des Kubismus sowie die russischen Konstruktivisten der 1920er Jahre wie Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin an. Zugleich gab es eine Annäherung an die westeuropäischen Kollegen.

Drei der genannten Künstler finden sich in der aktuellen Regensburger Ausstellung wieder. Jan Kubícek(1927–2013) ist ein Meister der Variation. Er greift flächige Elemente oder Linien auf und untersucht verschiedene Möglichkeiten, sie in der Fläche zu positionieren. Oft zerteilt er Formen oder multipliziert sie. So entstehen Werkserien, an denen man Verschiebungen in der Wirkung nachvollziehen kann. Ähnlich systematisch arbeitet auch Miloš Urbásek (1932–1988). Er analysiert Formen und zerlegt sie, um die Teile dann auf unterschiedliche Weise zusammenzufügen. Für die Umsetzung in der Bildfläche, die er meist in gleichwertige Quadrate aufgliedert, verwendet er Schablonen. Am Anfang arbeitet er vor allem mit Buchstaben, später werden die Formen einfacher –Kreise oder Kreissegmente. Zdenek Sýkora (1926–2011) geht in der systematischen Erforschung aller möglichen Beziehungen von Elementen und Farben in der Fläche am weitesten. Als einer der ersten Künstler nutzt er ab 1964 Computer, um alle Variationen errechnen zu lassen. Auf diese Art ergründet er das Prinzip des Zufalls. Die generierten Strukturen bringt er ganz klassisch mit Farbe auf die Leinwand oder das Papier.

Der vierte Künstler der Ausstellung, Jirí Kolár (1914–2002), findet als Dichter den Einstieg zur bildenden Kunst über das Wort und den Buchstaben. Das Tiefengedicht in der Ausstellung ist ein Beispiel für seine Typogramme – Schreibmaschinen-Grafiken, Sinnbilder der Konkreten Poesie. Es ist aber vor allem die Technik der Collage, die er perfektioniert. Abbildungen – meist Reproduktionen bekannter Werke – zerschneidet er, so dass sich beim Zusammensetzen optische Effekte ergeben. Kolár war einer derjenigen, die die sozialistische Tschechoslowakei nach einem Arbeitsverbot Ende der 1970er Jahre verließen und erst nach 1989 zurückkehrten.

Zwei Sichtweisen: Fotografien von Barbara Klemm
„Barbara Klemm vermittelt mir eine ganz eigene Sicht dessen, was ich eigentlich gut zu kennenglaube,“ kommentiert Hans-Peter Riese aus aktuellem Anlass die Arbeit seiner ehemaligen Redaktionskollegin bei der FAZ. In den 1980er und 1990er Jahren begleiteten ihre Fotografien oft Rieses Beiträge. Klemm gelingt es, klare Bildkompositionen mit einer pointierten Aussage zu verbinden. In der Ausstellung ist eine Auswahl von insgesamt 19 Fotografien aus den 1970er bis 1990er Jahren zu sehen, die sie in Leningrad bzw. St. Petersburg, Moskau, Prag und Berlin machen konnte.

Im Mittelpunkt steht hier das Thema des Eisernen Vorhangs. Einige Bilder laden paarweise betrachtetnach dem Prinzip „vorher – nachher“ zum Vergleich ein: So erscheint das berühmte Kaufhaus GUM in Moskau zweimal – auf einem Bild von 1970 und von 1993. Der „DDR-Grenzsoldat, West-Berlin“,fotografiert 1987, steht den Aufnahmen „Fall der Mauer, Berlin 10. November 1989“ und „Willy Brandt an der Mauer, Berlin, 10. November 1989“ gegenüber. Die Aufbruchstimmung nach der Wende 1989 in der Tschechoslowakei, die sich im schwungvollen Schritt des Präsidenten Václav Havel demonstriert, kontrastiert mit der statischen Nebelszene auf der Prager Karlsbrücke im Jahr 1987.

Am Samstag, 22. Februar, führen Barbara Klemm und Hans-Peter Riese ein öffentliches Künstlergespräch in den Ausstellungsräumen. Beginn ist um 11 Uhr. 


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10:00 - 17:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 20:00 Uhr
Montag: geschlossen

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