In ihrer Fotografie adaptiert Annette Kelm (*1975) häufig Stile und Genres – Stillleben, Objekt-, Architektur- und Landschaftsfotografie –, deren Konventionen sie bewusst unvollständig erfüllt. Indem sie fotografische Formen der Repräsentation in Bezug auf ihre semantische Aufladung des Gezeigten befragt, nisten sich subtile Bedeutungsambivalenzen in die Darstellung ein, und die gezeigten Dinge scheinen vertraut und distanziert zugleich – die Aneignung wird zum Kommentar. Dies gilt auch für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen: In ihrer aktuellen Ausstellung Die Bücher im Salon Berlin des Museum Frieder Burda setzt sie eine Auswahl jener Bücher ins Bild, die ab 1933 als „undeutsch“ verfemt wurden. Sie würdigt diese als „Überlebende“, die die Zeit überdauert haben und denen stellvertretend für ihre Verfasser*innen eine wichtige Rolle in der kollektiven Erinnerung zukommt. 

Annette Kelms künstlerisches Interesse gilt dabei dem liberalen, aufklärerischen und großstädtisch geprägten Zeitgeist, aus dem heraus die Bücher entstanden, aber auch ihrer Umschlaggestaltung, in der sich die Avantgarde der 1920er und 1930er spiegelt. Denn künstlerisch gestaltete Schutzumschläge, die Ende des 19. Jahrhunderts aufkamen und mit der so genannten Buchkunstbewegung zu großer Bedeutung gelangten, griffen die Formensprache des Expressionismus, Konstruktivismus, des Bauhaus und Dada auf, arbeiteten mit Fotomontagen und experimentierten mit innovativer Typografie. Auch diese Ästhetik der Moderne sollte durch das nationalsozialistische Regime ausgelöscht werden. Annette Kelm arbeitet mit ihrer Arbeit nun gegen das Auslöschen und Vergessen.
 Zum historischen Hintergrund der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen
Am 10. Mai 1933 verbrannten nationalsozialistische Studenten rund 30.000 Bücher auf dem ehemaligen Opernplatz mitten in Berlin: politische Literatur, wissenschaftliche Bücher, Romane und Gedichte, selbst Kinderbücher. Die Liste der Autoren umfasst viele bekannte Namen, aber auch solche, die seitdem aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden sind. Die Verbrennung und anschließende Verbannung der Bücher markiert die Gleichschaltung der öffentlichen Meinung und der Universitäten und ging einher mit der konsequenten Verfolgung anders denkender, insbesondere jüdischer Schriftsteller*innen und Intellektueller. Else Lasker-Schülers „Hebräische Balladen“, Erich Kästners Kinderbuch „Das verhexte Telefon“, Stefan Zweigs Roman „Der Flüchtling“, Oskar Maria Grafs „Notizbuch des Provinzschriftstellers“ oder Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ – alle diese Werke standen auf der Liste „des schändlichen und unerwünschten Schrifttums“.

Annette Kelms fotografische Auseinandersetzung mit dem Thema
Kelms Fotografien dieser Bücher folgen einer dezidiert sachlichen Ästhetik und zeigen die Bücher – es handelt sich um Ausgaben aus der Zeit zwischen 1913 und 1944 – einzeln als flacher Gegenstand, frontal abgelichtet, vor neutralem Hintergrund. Dieser konzeptuelle Ansatz, die hohe Bildschärfe und das neutrale Licht verleihen den Covern eine weit über das Dokumentarische hinausgehende Präsenz. Die Betonung des Faktischen vermeidet eine symbolische Aufladung. Stattdessen tritt die kulturelle und ideologische Bedeutung der Publikationen in den Vordergrund. Die Ausrichtung an formalen Kriterien und der Verzicht auf alles Erzählerische betont zudem die Übersetzung des Gegenstandes in den zweidimensionalen Raum der Fotografie: Das Buch wird Bild. Die auf dem Prinzip der Serie basierenden Aufnahmen heben das Fotografische als Produktion von Zeichen und Bildern dezidiert hervor. Im Stil klassischer Objektfotografie reproduziert, scheinen die Bücher von Raum und Zeit befreit. Gerade das aktualisiert sie und überwindet die historische Distanz: Indem sie aus der Geschichte heraustreten, richtet sich der Fokus auf die politische Bildsprache, die Ästhetik der Moderne und den sozialkritischen Impetus vieler Cover.

Es gibt kein Archiv der verfemten Bücher, das hier fotografiert worden wäre. Kelm hat mit verschiedenen privaten und öffentlichen Sammlungen gearbeitet. Es geht auch nicht um Vollständigkeit. Ihre Bilder sind vielmehr reduzierte und zugleich formalisierte Kompositionen, in denen Sehen und Lesen im Sinne einer Zuweisung von Bedeutung ineinander fallen. Auch in der 2019 / 2020 entstandenen Serie Die Bücher ist der Blick auf die historischen Artefakte sachlich und lädt das Gesehene mit einer Bedeutung auf, die auch in unserem Wissen über sie liegt. Es sind Abstraktionen, bei denen etwas verschwindet und an anderer Stelle als visueller Überschuss hinzutritt. Der präzise fotografische Blick auf das Buch und seine Gestaltung steht damit stellvertretend für die damals verfolgten Autor*innen und lässt uns gleichermaßen über die Möglichkeiten der Repräsentation von Geschichte und der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit nachdenken, wenn wegen des Verschwindens der Zeitzeug*innen Objekte für die Erinnerung immer wichtiger werden. 
 
In den Räumlichkeiten des Salon Berlin des Museum Frieder Burda, in den Klassenzimmern der ehemaligen jüdischen Mädchenschule gewinnen Kelms Fotografien zusätzliche Prägnanz, wenn sie in der Architektur einen Resonanzraum finden, der seinerseits an die systematische Vernichtung der Jüdinnen und Juden und die Verfolgung all jener, die sich der NS-Ideologie widersetzten, erinnert.
 
Patricia Kamp, künstlerische Leiterin des Salon Berlin: „Die Artikulation rassistischen Gedankenguts einer Minderheit ist in Deutschland unerträglich laut geworden. Umso mehr fühlen wir uns im Salon Berlin – an diesem spezifischen Ort jüdischen Kulturerbes – dazu herausgefordert, aktiv unsere Stimme zu erheben: um den gesellschaftlichen Dialog zu fördern und um gleichzeitig gemeinsam und entschlossen gegen Rassismus und Hass, Antisemitismus und Gleichgültigkeit und für mehr Menschlichkeit, Vielfalt und Toleranz Stellung zu beziehen.“ Und weiter: „Annette Kelms Arbeiten, und insbesondere die hier gezeigte Serie Die Bücher, schaffen einen einzigartigen Resonanzraum, in dem nicht nur wichtige Dialoge stattfinden können, sondern in dem auch klar wird, dass es nie ein Ende des Erinnerns geben darf.“

Text: Vanessa Joan Müller


Öffnungszeiten:
Donnerstag - Sonntag: 12:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: museum-frieder-burda.de

21.03. - 30.08.2020

Annette Kelm: Die Bücher

Museum Frieder Burda I Salon Berlin

Auguststraße 11–13
10117 Berlin