Unter dem Titel »Vertigo« zeigt das Kunstmuseum Stuttgart ein breites Spektrum an Werken der Op Art von den 1950er-Jahren bis 1970 und ihrer Vorläufer im 16. bis 18. Jahrhundert. Charakteristisch für diese Werke ist, dass sie sinnliche Erfahrungen ermöglichen, die nicht nur auf den Sehsinn beschränkt bleiben, sondern den gesamten Körper miteinbeziehen. Die Präsentation umfasst rund 100 Tafelbilder, Reliefs und (kinetische) Objekte sowie installative Arbeiten, Erfahrungsräume und computergenerierte Kunst. »Vertigo« wurde in Kooperation mit dem mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien realisiert.

»Op Art: Pictures that attack the eye« (›Op Art: Bilder, die das Auge attackieren‹): Mit dieser prägnanten, zugleich präzisen Definition beschrieb Jon Borgzinner 1964 im Time Magazine im Vorfeld der Epoche machenden Ausstellung »The Responsive Eye« (1965) des New Yorker MoMA eine Kunstrichtung, die sich seit Mitte der 1950er-Jahren als europäische Bewegung in verschiedenen Ländern parallel entwickelt hatte.

Die Op Art bricht mit traditionellen Prinzipien der Kunst, indem die Künstler_innen nicht mehr Inhalte in den Vordergrund stellen, sondern sich vorrangig auf Bildwirkungen fokussieren, die das Auge an die Grenzen seiner Möglichkeiten führen. Zu den formalen Ausdrucksmitteln gehören vibrierende geometrische Muster, insbesondere die Spirale, optische Kippeffekte und verzerrte oder zu Moirés überlagerte Raster. Als signifikantes, raumerweiterndes Medium tritt das Licht in unterschiedlichsten Erscheinungsformen auf. Anders als frühere Kunstströmungen fordern die Op Art und die ihr verbundene kinetische Kunst zudem die Initiative und Partizipation der Betrachter_innen ein. Als aktive Teilnehmer_innen sind sie maßgeblich an der stets nur punktuellen Konstituierung der Werke beteiligt.

Dieser Ansatz findet sich bereits in Umberto Ecos Buch »Opera Aperta« (›Das offene Kunstwerk‹)von 1962 formuliert. Darin propagierte er die Idee des Unabgeschlossenen, der Bewegung und des Prozesshaften, die gleichermaßen für Kunstproduktion und -rezeption gilt. Es ist dann sicherlich auch kein Zufall, dass Eco zu einem frühen Theoretiker der Op Art wurde: Im Begleitheft zur Op Art-Ausstellung, die 1962 in den Räumen der Firma Olivetti in Mailand stattfand, definierte er die neue Kunstrichtung als »Arte Programmata«. Der Büromaschinenhersteller Olivetti produzierte ab 1959 elektronische Computer, die sich rasch auf dem Markt durchsetzten. Die damalige Ausstellung ist Ausweis für die von den Künstler_innen angestrebte enge Verzahnung von Kunst und Technologie.

Künstler_innen der Op Art lehnten eine individualistische Haltung ab. Sie arbeiteten zum Teil im Team und verstanden ihre künstlerische Arbeit als »visuelle Forschung«, die sie in den Dienst einer neuen Industriegesellschaft stellten. Für ihre Werke setzten sie Materialien wie Industrieglas, Motoren für den Antrieb kinetischer Objekte und Leuchtmittel wie Neonröhren (François Morellet) und Stroboskoplicht (Giovanni Anceschi) ein. Adolf Luther experimentierte in seinen Rauminstallationen mit dem in den frühen 1960er-Jahren entwickelten Laser, der es erlaubt, einen farbigen, gebündelten Lichtstrahl über große Strecken zu führen.

Zu den Hauptvertreter_innen der Op Art zählt neben Victor Vasarely und Bridget Riley der italienische Künstler Gianni Colombo, der mit seinem »Spazio elastico« (1967) internationale Berühmtheit erlangte. Diesen zeigte er 1968 im Verbund mit anderen wahrnehmungsorientierten Erfahrungsräumen auf der 34. Biennale in Venedig und erhielt dafür den Großen Preis. Dem Raum zugrunde liegt ein Raster, bestehend aus Nylonfäden, die ein isometrisches Netz bilden. Angestrahlt durch ultraviolettes Licht und angetrieben durch elektrische Motoren verändert es sich unaufhörlich und fordert das Wahrnehmungsvermögen der sich darin bewegenden Betrachter_innen heraus. Das vierteilige, als Labyrinth angelegte Environment in der Stuttgarter Präsentation ist eine exakte Rekonstruktion der Installation in Venedig.

Die Werke der Op Art adressieren nicht allein den Sehsinn, sondern vermitteln Erfahrungen, die den gesamten Körper affizieren – bis hin zu sensorischer Überforderung und Schwindel. Auf diesen Aspekt verweist der Titel der Ausstellung »Vertigo«, der Alfred Hitchcocks berühmtem Film von 1958 entlehnt ist. Für Aufsehen sorgte insbesondere eine Kamerafahrt, die bei der Schlüsselszene im Treppenhaus eines Turms den Blick in den Abgrund als spektakulär destabilisierenden Wirbel inszeniert. Legendär ist auch der Vorspann des Kinoklassikers mit seiner Totalen auf ein Auge, in dem sich eine Spirale zu drehen beginnt, die, immer größer werdend, schließlich in ein abstraktes Spiel unendlicher Bewegungen überzugehen scheint und die Betrachter_innen vor der Kinoleinwand in ihren Sog zieht – optische Wahrnehmung und Schwindel sind untrennbar miteinander verbunden. Die Sequenz stammt von dem Title-Designer Saul Bass und dem Künstler John Whitney. Sein Bruder, James Whitney, beide Pioniere computerunterstützter Animation, ist in der Ausstellung mit der Arbeit »Lapis« (1966) vertreten, die formal an den berühmten Vorspann anknüpft.

Die Ausstellung veranschaulicht erstmals die Op Art als Manierismus der konkreten Kunst des 20. Jahrhunderts. Indem die Op Art die Gesetzmäßigkeiten von Ausgleich, Klarheit und Harmonie zugunsten heftiger Effekte, Verunsicherung und paradoxer Illusionen unterläuft bzw. durchkreuzt, entspricht dies einem Wandel vom Klassischen zum Anti-Klassischen, wofür Manierismus als epocheübergreifend gedachter Begriff stehen kann. Zur Präsentation gehören ausgewählte Referenzwerke europäischer Manierismen des 16. bis 18. Jahrhunderts, in denen vergleichbare Verfahren der Sinnesmanipulation zum Einsatz kommen – von Parmigianino, Giovanni Battista Piranesi, Claude Mellan und Erhard Schön. Von zentraler Bedeutung sind in dieser Hinsicht Anamorphosen. Bei der Anamorphose wird ein bereits bestehendes Bild durch Übertragung in ein übertrieben gedehntes Rasterverzerrt bzw. ›zerstört‹. Erst durch das Betrachten aus einem bestimmten Blickwinkel oder einemverspiegelten Zylinder rekonstruiert sich das Bild im Auge der Betrachter_innen. Bereits diese frühe Gattung macht deutlich, was späterhin immanentes Erkenntnisinteresse der Op Art sein wird: Dass Wahrnehmung nichts Feststehendes und Statisches ist.

Der Ausstellungsparcours im Kunstmuseum Stuttgart erstreckt sich über drei Etagen und ermöglicht in der Anordnung der Kunstwerke den Besucher_innen einen Wahrnehmungsprozess von der reinen Anschauung bis zu einem intensiven physischen Erleben. Eine erste Idee von diesem Spiel der Sinne bietet im Foyer die begehbare Bodenarbeit »Spazio ad attivazione cinetica 4s« (1968/2019) von Marina Apollonio.

Als konzeptioneller Bestandteil der Ausstellung wird im Studio 11, dem Kunstvermittlungsraum im Kunstmuseum Stuttgart, ein »Mitmach-Labor« eingerichtet. Die Konzeption hierfür entstand in Zusammenarbeit mit Mitarbeiter_innen des Physikalischen Instituts der Universität Stuttgart. An mehreren Stationen können Besucher_innen selbständig und auf spielerische Weise optische Experimente durchführen, die in Bezug zu den gezeigten künstlerischen Phänomenen stehen. Gleichzeitig bietet sich das »Labor« für Schulklassen der Jahrgangsstufen 3–7 als Lernort an.

Künstler_innen: Josef Albers, Giovanni Anceschi, Richard Anuszkiewicz, Marina Apollonio, Alberto Biasi, Hartmut Böhm, Martha Boto, Gianni Colombo, Carlos Cruz-Diez, Dadamaino, Gabriele De Vecchi, Lucia di Luciano, Marcel Duchamp, Giovanni Galli-Bibiena, Gerhard von Graevenitz, Franco Grignani, Matthias Grünewald, Brion Gysin, Adolf Luther, Enzo Mari, Almir Mavignier, Francesco Mazzola gen. Parmigianino, Claude Mellan, François Morellet, Lew Nussberg, Ivan Picelj, Giovanni Battista Piranesi, Guido Reni (Umkreis), Vjenceslav Richter, Bridget Riley, Dieter Roth, Nicolas Schöffer, Erhard Schön, Jesús Raphael Soto, Aleksandar Srnec, Kerry Strand, Abbott Thayer, Grazia Varisco, Victor Vasarely, James Whitney, Ludwig Wilding u.a.