Das Thema Schlaf fasziniert seit jeher Künstlerinnen und Künstler. Die zahlreichen ungelösten Rätsel und Geschichten, die sich um diesen unbewussten Zustand ranken, waren und sind bis heute Motiv für unzählige Kunstwerke. 70 davon stehen nun ab dem 24. September 2017 im Fokus der Ausstellung im Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen. Scheinbar ungleiche Paare wie Gustave Courbet und Andy Warhol, Edvard Munch und Martin Eder oder Sophie Calle und Ernst Barlach begegnen sich und treten in einen Dialog. Die vom klassischen Gemälde über die Fotografie bis zur Performance reichenden Kunstwerke stellen in unserer rastlosen Gesellschaft ein Zeugnis und Plädoyer für den Schlaf als produktive Zeitverschwendung dar.

Allein in den Bremer Sammlungen befinden sich drei Gemälde der Malerin Paula Modersohn-Becker, die das Thema Schlaf aufgreifen: die liegende Mutter mit Kind, der schlafende Otto Modersohn und ein friedlich schlummernder Säugling. Diese Kunstwerke waren es, die den Anstoß für die Sonderausstellung gaben – und die erstaunliche Tatsache, dass dieses Motiv bisher noch in kaum einer Kunstausstellung in Deutschland behandelt wurde. Dabei ist es offensichtlich, dass der Schlaf für Künstlerinnen und Künstler über die Grenzen der Jahrhunderte und Genres hinaus eine große Inspiration war. Die Sonderausstellung nähert sich dem Schlaf in der Kunst von fünf thematischen Perspektiven.

Da gibt es zuallererst den privaten Schlaf. Viele Betten und Kissen bilden das Umfeld für die Schlafenden in den Kunstwerken von Gustave Courbet, Johannes Hüppi oder Andy Warhol. Meist handelt es sich um friedlich schlummernde Personen aus dem persönlichen Umfeld des Kunstschaffenden. Der eigene Ehemann oder Partner, auch viele Kinder und unbekannte Schöne füllen die Bildräume und vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit, aber auch Fragilität.

Weniger gemütlich und flüchtig erscheint dagegen die Fotografie der erschöpften Ziehleute, die Friedrich Seidenstücker in den 1930er Jahren aufgenommen hat. Dieses Werk erzählt von einem anderen Schlaf als das Gemälde von Heinrich Vogeler, auf dem seine Ehefrau Martha gemeinsam mit Paula Modersohn-Becker auf dem Rasen ein Nickerchen hält. Doch der gemeinsame Nenner dieser und aller Arbeiten in diesem Raum ist der Schlaf im öffentlichen Raum. Ein gesellschaftliches Thema, das schon Erntearbeiter oder Heimatlose im 19. Jahrhundert betraf und auch heute noch in Zügen, Hauseingängen oder Parks gegenwärtig ist.

Von der Realität abgekoppelt scheinen die Arbeiten, die sich dem Schlaf von der märchenhaften Seite nähern. Sie zeigen zum Beispiel Dornröschen, die in einen ewigen Schlaf gelegt wurde, um auf den erweckenden Kuss eines Prinzen zu warten; Heinrich Vogeler und Paula Modersohn-Becker ließen sich von diesem Märchen zu Kunstwerken inspirieren. Annelies Štrbas Fotoarbeiten hingegen erinnern eher an Alice im Wunderland und eröffnen eine traumhafte Zwischenwelt, die auch von Gerhard Marcks‘ Schlafwandlerin (1919) beschritten wird.

Dem erotischen Schlaf ist ein weiteres Kapitel gewidmet. Viel nackte Haut und zerwühlte Laken finden sich in den intimen Kunstwerken, die unter anderem von Félix Vallotton, William Copley und Martin Eder ausgestellt werden. Die Geschichte dieser Bilder ist vor allem das, was mit den Betrachtenden passiert: Die nackte, schlafende Schönheit weckt den Voyeur in jedem von uns – denn wer schläft, bemerkt die Blicke nicht.

Eine Reihe von Exponaten beschäftigt sich mit dem Selbstbildnis im Schlaf. Der Performancekünstler Virgile Novarina aus Frankreich erforscht in seinen Aktionen die unbewusste Seite des Schlafs und lässt das Publikum am Eröffnungstag der Ausstellung live daran teilhaben. Auch die Künstlerin Ulrike Rosenbach legte sich für die Videoaktion Zehntausend Jahre habe ich geschlafen (1977) vor der Kamera zur Ruhe. In diesen Arbeiten teilen die Kunstschaffenden einen überaus persönlichen Lebensbereich und gehen dabei dem Wesen des Schlafs im Selbstversuch auf den Grund.

Die Unterschiedlichkeit der Kunstwerke in der Ausstellung ist der Beleg für die individuelle Beziehung, die jeder Mensch zum Schlaf hat. Es kann nicht die Rede von dem einen Schlaf sein. Dennoch hinterlässt die Ausstellung – vor allem in Zeiten von Schlafphasenweckern und Effizienzsteigerung – eine verbindende Erkenntnis: Schlaf ist Fakt.

Öffnungszeiten:
Dienstags bis Sonntag: 11–18 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: http://www.museen-boettcherstrasse.de
Friedrich Seidenstücker, Ziehleute beim Nickerchen in der Berliner S-Bahn, ohne Jahr (1930er Jahre), © bpk/Friedrich Seidenstücker
24.09.2017 - 04.02.2018

Schlaf — Eine produktive Zeitverschwendung

Museen Böttcherstraße

Böttcherstraße 6–10
28195 Bremen