Heutzutage, in einer Zeit, in der die Grenzen zwischen privater Meinung und öffentlichem Diskurs immer mehr verschwimmen, werden gesellschaftliche Normen und Vorstellungen oft aufrechterhalten oder verstärkt – so auch die Sicht auf die Rolle der Frauen. Trotz einer wachsenden Akzeptanz ihrer Rechte besteht die Benachteiligung von Frauen in vielen Bereichen weiterhin fort. Die Künstlerin und Filmemacherin Sabrina Labis untersucht in ihrer Arbeit, wie sich Sexismus in alltäglicher Sprache, in stereotypen Körperbildern und in gesellschaftlichen Strukturen manifestiert hat und macht die dahinter liegenden Mechanismen sichtbar. Ihre Werke thematisieren unter anderem, wie Frauen innerhalb wissenschaftlicher, kultureller und medialer Strukturen benachteiligt werden und welche Auswirkungen dies auf unsere Wahrnehmung und unser Handeln hat.
Die Ausstellung „Miss Universe“ ist die erste Einzelausstellung der international tätigen Künstlerin in Berlin. Die Präsentation umfasst zwei Videoarbeiten, textile Elemente und Fotografien, die einen tiefergehenden Blick auf das komplexe Thema von Geschlechterstereotypen und verfestigte Denkmuster ermöglicht. Labis untersucht Prozesse und Auswirkungen von Sprachmodellen und medialen Bildern im Hinblick auf geschlechtliche Stigmata sowie Formen der Macht und Unterdrückung. Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Darstellung und Analyse sexistischer Vorurteile, die in der Wissenschaft und Popkultur unterschiedlich zum Ausdruck kommen.
Die Videoarbeit „OBAFGKM“ greift auf einen allgemein etablierten Merksatz aus der Astronomie auf – „Oh Be A Fine Girl! Kiss Me!“ (dt. „Ach, sei ein liebes Mädchen! Küss mich!“) – der sich als Erinnerungshilfe auf die Spektralklassifizierung von Sternen bezieht, und zugleich Frauen in eine diskriminierende Betrachtungsweise rückt. In dem Video lässt Labis eine Performerin die Buchstabenfolge O, B, A, F, G, K, M in gestische Bewegungen übersetzen. In der begleitenden Tonspur werden alternative Merksätze als neue sprachliche Modelle entwickelt, die bestehende Machtverhältnisse umkehren und neue, assoziative Bedeutungsräume eröffnen.
Die zweite Videoarbeit, „Miss Universe“, analysiert das idealisierte und männlich konnotierte Frauenbild im Kontext eines historischen Miss-Universe-Schönheitswettbewerbs von 1964 in Miami, USA. Hier werden junge Frauen ausschließlich nach ihren äußeren Merkmalen, Körpermaßen und -größen beurteilt und klassifiziert. Bis heute dominiert eine einengende und stereotypische Sicht die allgemeine öffentliche Vorstellung von Frauen. In der Ausstellungsumsetzung ergänzen textile Schärpen mit aufgestickten Sätzen die beiden Videoarbeiten, und knüpfen damit sowohl an die öffentliche Inszenierung von Frauen in den Medien als auch an die alternativen Merksätze zur Buchstabenfolge der Spektralklassifizierung an. Die fotografische Ansicht eines Sternenhimmels verweist darüber hinaus auf das Universum als Denkraum, als ein visuelles System, das zwischen Abbildung und Abstraktion, zwischen Wissen und Imagination oszilliert.
In „Miss Universe“ analysiert Labis die tief in den gesellschaftlichen Strukturen verwurzelten sexistischen Denkmuster, die bis in die Gegenwart Bestand haben. Indem sie die Mechanismen von geschlechtlichen Vorurteilen in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens wie dem Wissenschafts- und Kulturbetrieb kritisch betrachtet, wirbt Labis für eine respektvollere Wahrnehmung und Wertschätzung von Frauen.
Sabrina Labis (geb. 1990 in Zürich, Schweiz) studierte Bildende Kunst an der Hochschule Luzern Design & Kunst (HSLU). Sie ist Meisterschülerin der Universität der Künste Berlin, wo sie die Fachklasse für Experimentellen Film und Medienkunst absolvierte. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, darunter den Ausstellungspreis des Kunstmuseums Luzern (2015) und dem Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin (2019). Ihre Arbeiten wurden international auf Festivals und in institutionellen Einzelsowie Gruppenausstellungen gezeigt, zuletzt in der Akademie der Künste, Berlin (2025), auf dem 19. International Human Rights Film Festival, Albanien (2024), in der Katarzyna Kozyra Foundation, Warschau (2023) und im Centre Pompidou, Paris (2022).
Alt - Mariendorf 43
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