Welche Idee verbirgt sich hinter dem bewusst reißerisch aufgemachten Titel Stefan Rincks (* 1973) Installation für die Pinakothek der Moderne? Der Blick fällt sofort auf die zentrale Skulptur inmitten der Figurentraube. Es ist ein Entourage vielgestaltiger Figuren jedweder Couleur schart. Mit entschlossenem Blick schaut sie voraus, was ihre mitgeführte archaisch anmutende Keule und das Schild mit dem staatstragenden bayerischen Rautenmuster unterstreichen mögen. Der Insignien nicht genug, ist sie gleich einer Schamanin in das Fell eines Löwen gehüllt, während ihr Haupt von dessen Autorität einflößenden übergroßen Schädel bekrönt wird. Die Anspielung auf das bayerische Wappentier versteht sich von selbst. Welcher Epoche sie auch immer entsprungen sein mag, es ist augenscheinlich klar, dass sie die geistige Anführerin des Alpen-Clans ist.

Ihr zur Seite schreitet ein junges Mammut, das aufgrund seiner Nähe zu ihr ein enger Vertrauter zu sein scheint. Was auch immer hier vorgeht, so hat es den Eindruck, als wolle Stefan Rinck uns mit seinem Alpen-Clan den Spiegel vorhalten.

In der Gruppe finden sich aber auch verschiedenste kleinfigurige, zottige Trolle, die sich ohne Scheu auf dem fremden Terrain der Pinakothek der Moderne bewegen, so als wären sie hier zu Hause. Und damit sind wir auch schon beim Wunschziel dieses Mummenschanzes angelangt. Wie das Mammut, das einst die kalten Regionen unserer Landschaft bevölkerte, haben sich auch einzelne blaugraue Regentropfen dem Zug angeschlossen, um, so könnte man sie deuten, auf die Misere hinzuweisen, dass die Alpenregion aufgrund der immer größer werdenden Wasserknappheit und dem andauernden Mangel an Schnee zukünftig nicht mehr zu ihrem Siedlungsgebiet zählen wird. Offensichtlich stellt der Alpen-Clan plötzlich in der Rotunde der Pinakothek der Moderne vieles zur Diskussion und die Besucher sind eingeladen, daran teilzunehmen.

Rincks Fabel für die Pinakothek der Moderne endet nicht damit, dass sich eine Unzahl von Hasen als Schildträger und Ehrenwache im Museumsraum tummeln. Man muss wissen, dass Hasen von jeher eine wichtige Rolle in der Kunstgeschichte einnehmen. Von den gelehrten Schriften des Mittelalters bis hin zur barocken Emblematik wurde dem Hasen für seine außerordentliche Wahrnehmungs- und Wandlungsfähigkeit hohe Wertschätzung zuteil, ganz anders als dem zum Angsthasen zurechtgestutzten Langohr unserer Gegenwart. In erster Linie aber ist der Hase seit der frühen Neuzeit die Verkörperung des sanguinischen Temperaments, das dem Ideal des paradiesischen Menschen nahekommt. Wen wundert es also, dass die Hasenschar innerhalb des Alpen-Clans mit ihrem zum Ausgleich tendierenden Wesen und Verhalten die ideale Voraussetzung für das Handwerk der politischen Diplomatie mit sich bringt, was sie im Aufeinandertreffen mit uns Menschen sicherlich gut gebrauchen kann und uns zum Vorbild gereichen könnte. Ist das die Fährte, die der Künstler hiermit für uns auslegt?

Schlussendlich hat der Philanthrop Stefan Rinck für seine Ausstellung in der Pinakothek der Moderne alle guten Geister seines Œuvres zusammengerufen, die ihm in den letzten zehn Jahren in den Sinn gekommen sind, und sie zu einem gewichtigen und zugleich federleichten Opus magnum verdichtet.


Öffnungszeiten:
Dienstag – Mittwoch: 10:00 – 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 – 20:00 Uhr
Freitag – Sonntag: 10:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: pinakothek-der-moderne.de

Atelieransicht Stefan Rinck, 2025 Foto: Michael Hering
27.11.2025 - 19.04.2026

Stefan Rinck: Der Alpen-Clan kehrt zurück

Pinakothek der Moderne

Barer Straße 40
80333 München