Seit über zwei Jahrzehnten formuliert die 1985 in Harare, Simbabwe, geborene Künstlerin Portia Zvavahera ein zutiefst persönliches, emotional aufgeladenes malerisches Werk. Ihre Arbeiten schöpfen aus Träumen und reflektieren spirituelle Erfahrungen sowie die Beschäftigung mit Bildtraditionen, die unter anderem von der Kultur Simbabwes und der christlichen Ikonografie geprägt sind. Die Gemälde zeichnen sich durch den Einsatz leuchtender Farben aus: die komplexe Schichtung und Verquickung von Figuren, Formen und Mustern sowie eine raffinierte Verbindung verschiedener Techniken – Malerei, Druckverfahren und Batik.
Das Fridericianum würdigt das eindrucksvolle und berührende Schaffen der Künstlerin erstmals in Deutschland mit einer Einzelausstellung. Die im Dialog mit Zvavahera entwickelte Schau umfasst zehn Gemälde aus der Zeit zwischen 2019 und 2024, wobei eine der Arbeiten aufgrund ihrer bemerkenswerten Maße und räumlichen Inszenierung einer malerischen Installation gleichkommt. Die Ausstellung ermöglicht somit einen konzentrierten Einblick in die faszinierende Praxis von Zvavahera, die zu den herausragenden Positionen Simbabwes zählt.
Die Grundlagen für das Werk der Künstlerin wurden früh gelegt. Schon während ihrer Schulzeit an der Oriel Girls High School in Harare erprobte sich Zvavahera in künstlerischen wie auch kreativen Ausdrucksformen. Zwischen 2003 und 2004 absolvierte sie dann ein Studium in den BAT Visual Arts Studios der National Gallery School of Visual Art and Design in Harare sowie 2005 und 2006 am Harare Polytechnic College, wo sie ihren Abschluss machte.
In dieser Zeit – während des Studiums am Harare Polytechnic College – fing Zvavahera an, das Augenmerk ihrer Praxis auf ihr Innenleben, ihre Gemütszustände zu legen und Träume als Ausgangspunkt ihrer Werke zu nutzen. Die Befassung mit ihren psychischen Erlebnissen war für sie keinesfalls neu. Vielmehr spielten diese bereits seit ihrer Kindheit eine zentrale Rolle. So erinnert sich die Künstlerin daran, dass ihre Großmutter und auch ihre Mutter immer wieder über ihre inneren Bilder und Episoden sprachen und dass auch sie regelmäßig nach ihren nächtlichen Eingebungen befragt wurde – eine Gewohnheit, die in ihrer Familie bis in die Gegenwart Bestand hat.
Um die Träume nicht zu vergessen, begann Zvavahera im Laufe der Zeit, ihre Erlebnisse in Notizbüchern festzuhalten – einerseits in Form von textlichen Beschreibungen, andererseits als zeichnerische Skizzen, die sie noch während der Nacht realisiert. Auf dieser Grundlage fertigt sie seither ihre Gemälde, wobei einzelne Träume teilweise in mehreren Werken verarbeitet werden. Im Zuge des Herstellungsprozesses lässt sie sich von ihrer Gefühlswelt, von intuitiven Impulsen leiten. Sie erspürt die den Träumen innewohnenden Energien und überträgt sie in Farben, Formen, Muster und Oberflächenstrukturen.
Bei diesem Vorgehen kommen unterschiedliche Fertigungstechniken zum Einsatz. So verwendet sie Tinte und Wachsstifte zur Anlage ihrer Kompositionen, nutzt verschiedene Materialien – wie Palmwedel, Spitze, Kartons oder Linolschnitte – zum Drucken, setzt Wachsbatik ein, appliziert Mehl und operiert mit einem weiten Spektrum an malerischen Techniken.
Auf diese Weise entstehen komplexe Kompositionen, in denen menschliche Figuren, tierische Kreaturen, engelartige Wesen, Formen, Flächen oder Strukturen auf unterschiedlichen Ebenen mannigfaltig miteinander verwoben sind und einen schwer ergründbaren Kosmos bilden. Die Darstellungen suggerieren Narrative, die nicht immer eindeutig sind und denen etwas Geheimnisvolles innewohnt.
An diesen Wesenszügen hat unter anderem die spezifische Symbolik Anteil, die Zvavahera ihren Werken einschreibt. Für die Künstlerin verbinden sich mit den Geschöpfen auf ihren Gemälden und den sonstigen teilweise attributiven Bildgegenständen unterschiedliche Bedeutungen. Die Werke appellieren also an eine genauere Betrachtung, eine konzentrierte Vertiefung oder meditative Reflexion, die eine Annäherung an ihre Symbolik ermöglichen.
So stehen etwa Tiere wie Eulen, Ratten oder Kühe für Bedrohungen oder Gefahren, mit denen sich Zvavahera oder ihre Angehörigen in ihren Träumen konfrontiert sehen. In den Gemälden manifestieren sich regelmäßig Momente, in denen sich etwas Düsteres, Einschüchterndes, Angsteinflößendes oder Albtraumhaftes widerspiegelt.
Demgegenüber versinnbildlichen andere Bildgegenstände Sicherheit, Halt oder Zuversicht – ein Engel fungiert als Wächter oder Verteidiger, ein schleierartiges Muster über einer Figur vermittelt Schutz, ein Wesen mit ausgebreiteten Armen oder einem weit geöffneten Mantel bietet Geborgenheit.
Für Zvavahera haben die Darstellungen der unterschiedlichen, mit den Träumen und Visionen in Beziehung stehenden Symbole eine Form von Intention oder gar Funktion. Für sie repräsentieren ihre Arbeiten Gebete, Lösungsansätze, Orientierungspunkte, um problematische Situationen zu überwinden, um Perspektiven für das Leben zu eröffnen.
Dabei offenbart sich in den Werken, jenseits von Zvavaheras individueller Gedanken- und Wunschwelt, immer auch etwas Universelles. Dieser Umstand trägt dazu bei, dass die Gemälde der Künstlerin so deutliche Gefühle hervorrufen, das Seelenleben des Menschen also intensiv beeinflussen. Zusammen mit der bemerkenswerten künstlerischen Virtuosität, den leuchtenden Farben, der Gestik der Malerei und den ornamentalen Strukturen befeuert dieser Aspekt die ausgesprochene Sogkraft ihrer Werke, der man sich nur schwerlich entziehen kann und die in der Schau im Fridericianum unmittelbar erlebbar wird.
Die Präsentation in der Kunsthalle schließt an eine Reihe von institutionellen Würdigungen an, die der Künstlerin in den letzten Jahren zuteilwurden. So erhält und erhielt Zvavahera Einzelausstellungen unter anderem im Institute of Contemporary Arts in Boston (2025), in der Fruitmarket Gallery in Edinburgh (2025), in der Kettle’s Yard der University of Cambridge (2024), in der Fondation Louis Vuitton in Paris (2024) und im Institute of Contemporary Art Indian Ocean in Port Louis (2020). 2022 wurde ihre Arbeit auch auf der von Cecilia Alemani kuratierten 59. Biennale von Venedig The Milk of Dreams gezeigt. Zvavaheras Werk wurde im Jahr 2018 zudem im Kontext der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst präsentiert. 2013 nahm sie an der Ausstellung Dudziro: Interrogating the Visions of Religious Beliefs im Rahmen des simbabwischen Pavillons auf der 55. Biennale von Venedig teil.
Die Ausstellung im Fridericianum steht unter der Schirmherrschaft Ihrer Exzellenz Alice Mashingaidze, der außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafterin der Republik Simbabwe.
Öffnungszeiten:
Dienstag – Mittwoch: 11:00 – 18:00 Uhr
Donnerstag: 11:00 – 20:00 Uhr
Freitag – Sonntag: 11:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen
Weitere Informationen direkt unter: fridericianum.org