Thomas Bayrle (*1937) ist eine Legende. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem in Frankfurt lebenden Künstler eine große Soloschau mit über fünfzig Werken der letzten zwanzig Jahre. Bayrle behandelt in seiner Kunst grundlegende Aspekte der modernen Gesellschaft. Wie hängen Religion und Gesellschaft, Individuum und Masse, industriell gefertigte Produkte und die technischen Apparate ihrer Herstellung zusammen? Neben den Strukturen von Konsum, Arbeit, Urbanität und Technologie spielen Fortbewegung, Pop- und Massenkultur sowie (Ersatz-) Religion eine zentrale Rolle. Der Künstler widmet sich ikonischen Darstellungen ebenso wie populären Werken der Kunstgeschichte von Michelangelo über Caravaggio und Masaccio bis hin zu Claude Monet. Die Ausstellung zeigt Malerei und Grafik, Skulptur und Objektkunst, Soundinstallationen und eine Videoarbeit.
In den 1960er- und 1970er-Jahren legte Bayrle den innovativen Grundstein seiner charakteristischen Superformen. Das Wiederholen, Vernetzen und Verweben von Einzelelementen zu einem Gesamtbild findet sich bis heute in nahezu allen Werken Bayrles und ist eng verbunden mit der Biografie des Künstlers. Bayrle absolvierte zunächst eine Lehre als Maschinenweber, bevor er sich der Gebrauchs- und Druckgrafik widmete. Die dort angewandten Drucktechniken hat er sowohl materiell als auch konzeptuell in seiner Kunst weitergeführt und damit den Weg vom Analogen zum Digitalen geebnet. So gehen seine Werke mit dem aktuellen Ausstellungsort der Schirn, dem Industriegebäude der ehemaligen Dondorf Druckerei, einen besonderen Dialog ein.
Der Titel der Ausstellung erinnert an Bayrles prägende Zeit als Professor an der Städelschule von 1975 bis 2002 und seinen Einfluss auf eine nachfolgende Künstlergeneration. „Fröhlich sein!“ war ein Leitsatz, den er seinen Studierenden gerne und häufig mit auf den Weg gab. Für Bayrle selbst war „Fröhlich sein!“ eine Lebensauffassung, eine künstlerische und politische Haltung.
Die Ausstellung „Thomas Bayrle. Fröhlich sein!“ wird gefördert durch die Stadt Frankfurt und die Hessische Kulturstiftung.
EINFÜHRUNG:
Das vor sechzig Jahren begonnene Werk von Thomas Bayrle bezieht seine Themen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Technologie, Pop- und Massenkultur, Religion und Industrialisierung. Es bewegt sich parallel zu den Veränderungen von der analogen zur digitalen Produktion. Im Zentrum der Ausstellung stehen Werke aus den letzten zwanzig Jahren, die das weite Spektrum seiner Kunst zeigen.
Thomas Bayrle befasst sich mit den sozialen Organisationsprinzipien von Individuum und Masse, wobei er seine Bildmotive der Alltagswirklichkeit und der Waren- und Konsumwelt entnimmt. Dafür entwickelte er eine eigene Bildform, in der er serielle Wiederholungen in Rasterstrukturen überträgt. Seit den späten 1960er-Jahren setzt Bayrle seine Arbeiten aus kleinen Einzelteilen zu großen, sogenannten Superformen zusammen und gilt mit dieser Pixelsprache als einer der Pioniere der digitalen Bildgestaltung.
Gerade bei einer jungen Generation finden Bayrles Arbeiten große Resonanz, da sie wie von einem Algorithmus generiert erscheinen und die unendlichen Möglichkeiten der Kombination einzelner Teile zu einem Gesamtbild offenbaren. So setzt er etwa Roboterarme aus Tausenden kleinen Bildern von Smartphones zusammen und stellt aus denselben Smartphones eine bildliche Reproduktion der Pietà (1499) von Michelangelo her, eine Skulptur, die den toten Jesus Christus in den Armen seiner Mutter Maria zeigt. Diese optischen Schöpfungen erinnern an die digitalen Bilderfluten, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind.
Wie hängen Religion, industriell gefertigte Produkte und die technischen Apparate ihrer Herstellung miteinander zusammen? Was in Bayrles Arbeiten oft wie eine Collage widersprüchlicher Bildteile erscheint, kann auch als Versuch des Zusammenlebens dieser Widersprüche, ihrer Koexistenz, gelten.
In seinen Arbeiten behandelt Bayrle grundlegende Aspekte der modernen Gesellschaft. Neben den Strukturen von Konsum, Urbanität und Technologie spielen Bereiche wie Fortbewegung und Alltagswirklichkeit eine zentrale Rolle. Er versteht das Wachstum urbaner Strukturen sowie auf Massengebrauch angelegte Fortbewegungsmittel als einen Kreislauf, der von der Wirtschaft ausgelöst wird und wiederum von dieser in Gang gehalten wird. Er setzt sich mit diesen Strukturen kritisch auseinander, als Konsument und Teilnehmer.
Das Motiv der Autobahn spielt seit den 1970er-Jahren eine zentrale Rolle in seinem Werk. 2012 auf der documenta 13 in Kassel zeigte Bayrle erstmals aufgeschnittene Motoren in Betrieb. Damit visualisierte er die Ästhetik von Maschinen, aber auch den Lebensrhythmus und die Verfassung der Menschen in der Massengesellschaft.
Thomas Bayrle wurde 1937 in Berlin geboren. Nach einer Lehre als Weber in Göppingen studierte er von 1958 bis 1961 an der Werkkunstschule Offenbach am Main (heute Hochschule für Gestaltung). Als Mitbegründer der Gulliver-Presse verlegte er Künstlerbücher und Editionen und beschäftigte sich mit Literatur und bildkünstlerischen Reproduktionstechniken. Bayrle war 1971/72 Stipendiat der Villa Massimo und nahm an der documenta III, 7 und 13 teil. Von 1975 bis 2002 war er Professor an der Städelschule in Frankfurt am Main. Er hatte zahlreiche internationale Einzel- und Gruppenausstellungen und seine Werke sind in vielen bedeutenden Museumssammlungen vertreten.
RUNDGANGSTEXT
Die Ausstellung von Thomas Bayrle mit dem Titel „Fröhlich sein!“ zeigt einen Überblick seiner Arbeiten der letzten zwanzig Jahre. Sie findet genau zwanzig Jahre nach seiner letzten großen Einzelausstellung in Frankfurt statt, damals im Museum MMK für Moderne Kunst. Der Titel der Ausstellung zitiert einen Ausspruch, den seine Studierenden an der Städelschule, wo Bayrle von 1975 bis 2002 als Professor gelehrt hat, mindestens einmal pro Woche von ihm gehört haben. Nach seinem Studium an der heutigen Hochschule für Gestaltung Offenbach (damals Werkkunstschule Offenbach) betrieb Bayrle von 1956 bis 1961 zusammen mit Bernhard Jäger den Verlag Gulliver-Presse und publizierte Bücher der konkreten Poesie sowie Kunstbücher. Die dort angewandten Drucktechniken führte er sowohl materiell als auch konzeptionell für seine anschließende Kunstproduktion weiter. Dabei spielen der Seitenaufbau oder das Layout, etwa von Büchern oder von Zeitungen, eine zentrale Rolle und finden sich mehr oder weniger deutlich in allen Arbeiten von Bayrle wieder.
Ein spätes Echo auf seine Tätigkeit als Bücherproduzent – sowie ein Echo auf das Interimsgebäude der SCHIRN, die ehemalige Dondorf-Fabrik, in der von 1929 bis 1933 die UnionDruckerei ihren Sitz hatte und die sozial-demokratische Zeitung Volksstimme druckte – markiert Bayrle mit seiner von 1999 bis 2001 entstandenen mehrteiligen Arbeit zu Philip Johnson. Man kann sie als einen strukturellen Vergleich von Architektur und Zeitungslayout betrachten: Bayrle legt der Architektur von Philip Johnson und dem Zeitungsdruck der New York Times denselben Raster zugrunde. Das aus Holzlatten angefertigte Gebäudeskelett ist offensichtlich an den Aufbau einer Seite der größten US-amerikanischen Zeitung angelehnt.
Vor der wandfüllenden Tapete begegnet man seiner Ehefrau Helke Bayrle, die selbst Filmkünstlerin war. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2022 schuf sie die innovative Reihe Portikus Under Construction, für die sie zahlreiche Künstler*innen beim Aufbau ihrer Ausstellungen in dem zur Städelschule gehörenden Ausstellungshaus Portikus filmte, beginnend 1992 mit Isa Genzken. Von Helke Bayrle ging ein großer Einfluss auf den künstlerischen Werdegang von Thomas Bayrle aus. Die Serie der Helke-Porträts aus dem Jahr 2022 gibt Einblick in das Bayrle’sche Prinzip der Wiederholung und Differenz, überträgt den Raster von der Zeitung auf das Gemälde und führt die miteinander kommunizierenden Ebenen von Teil und Ganzem ein.
Die hinterlegte Tapete Frankfurter (1980/2025), die sowohl dichtere Menschenansammlungen als auch einzelne Personen zeigt, stellt die Beziehung zwischen Teil und Ganzem in einen kritischen Kontext. Bayrle „verwebt“ diese für die Moderne zentrale Ambivalenz von Individuum und Gesellschaft in dem mehrdeutigen Panorama. Dabei lässt sich sowohl auf die individuelle Freiheit des Flaneurs in der Menge Bezug nehmen, die Charles Baudelaire 1863 in seinem Essay Der Maler des modernen Lebens beschrieben hat, als auch zu den Gefahren der Entfesselung des Einzelnen in der Masse, die Elias Canetti mit Blick auf den Nazi-Faschismus in Masse und Macht (1960) analysiert hat. Die auf der Tapete abgebildeten Personen hat Bayrles Freund, der Fotograf Gerald Domenig, auf der Frankfurter Zeil aus der Distanz fotografiert. Seit 2015 befindet sich die Wandarbeit im Foyer des Neubaus der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend. An einer Auswahl von fünf dreidimensionalen Kartonarbeiten vorbei, führt der Blick auf die Videoarbeit Autobahnkreuz (2006), die Bayrle gemeinsam mit Daniel Kohl, seinem ehemaligen Studenten an der Städelschule, produzierte. Darin wird die in der Ausstellung noch häufiger anzutreffende Fusion von Auto, Autobahn und Maschine mit Inhalten und Bildern der christlichen Religion in fast schon organischer Natürlichkeit ausgeführt. Die unzähligen Kacheln des immer gleichen Bildausschnitts von auf der Autobahn fahrenden Autos münden am Ende einer langsamen, herauszoomenden Bewegung in einer Darstellung des gekreuzigten Jesus. Dieser hat eine formale Ähnlichkeit mit der in direkter Umgebung davon in den Himmel auffahrenden Person sowie mit der dem Auto entnommenen, den Rosenkranz betenden Scheibenwischanlage. Selbst die über die Autobahn schwebenden Flügel der seit 1947 in Italien betriebenen Raststätten „Autogrill“ nehmen unter Bayrles Regie in seinen aus Karton gewebten Straßen und Modellen die Form des Gekreuzigten an.
Im Anschluss daran begegnet man Bayrles Adaption von Caravaggios Altargemälde Die Inspiration des Heiligen Matthäus in drei Ausführungen. Bayrle überführt das Gemälde aus dem Jahr 1602 in einen kleinteiligen Raster und füllt jedes Kästchen davon mit einem Piktogramm eines iPhones aus. In einer dieser Arbeiten findet sich auf den Screens dieser iPhones das originale Gemälde von Caravaggio, während sie in den anderen Werken nur flächig blau leuchten oder mit Gouache eingefärbt sind.
Ein weiteres Mal wird man von ausgebreiteten Armen begrüßt. Bayrles Himmelfahrten beziehen sich nicht auf ein bestimmtes Vorbild aus der Kunstgeschichte, jedoch erinnert die Pose sowohl an die Darstellung des gekreuzigten Jesus Christus als auch an die seiner Himmelfahrt. Die in den Raster der Figur eingelassenen Grafiken einer hochfliegenden weiblichen und einer herabfliegenden männlichen Person verwischen die geschlechtliche Identität der dargestellten Figur. Bayrle hat einer Himmelfahrenden zudem eine Schutzmaske appliziert und verweist damit auf den Ausbruch der Corona-Pandemie.
Die Werke Heuhaufen Marmoriert und Roll Over Smartfon I referieren auf Claude Monets bekannte Gemäldeserie der Meules (dt.: Heuschober). Auch in dieser Appropriation bildet Bayrle den Körper des Heuhaufens, der in Wahrheit ein Getreideschober ist, durch iPhones mit teilweise bunten Bildschirmen. Dadurch werden Assoziationen mit der Pop-Art geweckt, die wie Monet bei seinen Getreideschobern mit Serialität spielte. Monet malte die für den Ackerbau der Normandie im 19. Jahrhundert typischen Getreideschober in insgesamt 25 Variationen, um damit den jahreszeitlichen Veränderungen in Farbe und Licht Ausdruck zu verleihen. Im Entstehungsjahr von Bayrles Arbeiten – 2019 – wurde auf einer Auktion der höchste Preis für ein Werk Monets jemals für eines seiner Meules Gemälde erzielt. Kein Zufall dürfte sein, dass der Käufer jenes Getreideschobers der Kunstsammler und SAP-Mitgründer Hasso Plattner war, dessen Unternehmen auf Software spezialisiert ist.
Die Skulptur Automeditation besteht aus vier übereinander gestapelten Autoreifen. Die Außenseiten der Reifen sind mit einem Auszug aus dem lateinischen Gebet Ave Maria versehen. Ins Deutsche übersetzt bedeutet der Text: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Der Auszug des Gebets, der ohne Anfang und Ende gelesen werden kann, gleicht einem Ouroboros, jener mythischen Schlange, die ihren eigenen Schwanz frisst und vom ewigen Kreislauf von Leben und Tod kündet.
Die weiteren hier ausgestellten Arbeiten widmen sich den Darstellungen der biblischen Themen Vertreibung aus dem Paradies und Pietà, womit die um den toten Jesus trauernde Maria bezeichnet wird. Als kunsthistorische Referenzen dienten Bayrle hier das aus dem 15. Jahrhundert stammende Fresko des Malers Masaccio sowie die Marmorstatue Pietà von Michelangelo. Das Thema der Mobilität, das in der Erzählung der Industrialisierung den gesellschaftlichen Fortschritt repräsentiert, tritt in einen Dialog mit zwei gegenüber angebrachten Pietà-Darstellungen: das Automobil in Pietà red cars und das Flugzeug in Pietà (Flugzeug). Die Geschichte der Industrieroboter beginnt in den 1950er-Jahren mit der industriellen Entwicklung. In den 1960er-Jahren kamen schließlich die ersten Prototypen in der Automobilproduktion bei General Motors zum Einsatz – vermutlich nicht ohne die literarische Unterstützung des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov, der in seiner Kurzgeschichte Runaround von 1942 erstmals die Robotergesetze beschreibt. In Bayrles Adaptionen der Roboterarme mit Titeln wie etwa Erholung in der Idiotie I oder Non Fungible Tokens II (eine Referenz auf NFTs, digitale Eigentumszertifikate) stehen der Arm und die Hand des Roboters in einem ironischen Verhältnis zu seiner eigenen künstlerischen Arbeitsweise. Diese erscheint zwar früh schon an spätere digitale Bildproduktion angelehnt, hat den Computer allerdings erst viel später hinzugezogen, ohne dabei die analogen Techniken gänzlich aufzugeben.
In den 1950er-Jahren erlebt Bayrle in seiner Ausbildung zum Musterzeichner und Weber in der Maschinenweberei Gutmann in Göppingen eine durch die ständige Wiederholung bedingte Halluzination, als ihm im Lärm der Maschinen plötzlich Rosenkranz betende Menschen erscheinen. Wie schon bei den bereits erwähnten Reifen und dem Scheibenwischer kommt der Rosenkranz ebenfalls in einer Serie von manipulierten Motorrad- und PKW-motoren zum Einsatz. Der Sound-Künstler Bernhard Schreiner unterstützte Bayrle bei der Arbeit mit den seit 2009 entstandenen Skulpturen und schuf verschiedene Interpretationen von Rosenkranz-Aufnahmen. Eine französischsprachige Aufnahme erklingt im Chor mit den Bewegungen der Kolben eines Motors des Citroën 2CV, der in Deutschland als „Ente“ bekannt wurde. Die Ausstellung endet mit den Darstellungen zweier populärer Figuren: dem Papst und der Celebrity Kim Kardashian. Bei den Porträts von Kim Kardashian überwiegt die Ähnlichkeit mit Jan Vermeers berühmtem Gemälde Mädchen mit dem Perlenohrring aus dem Jahr 1665. Bei der darin Abgebildeten handelt es sich nicht um eine reale Person, sondern um eine sogenannte Tronie, also die Darstellung eines bestimmten Charaktertypus. Auch der Papst ähnelt mit der liturgischen Kopfbedeckung, der Mitra, eher einem konventionellen kirchlichen Repräsentanten als einer bestimmten Person. Spätestens im Jahr 2005 fand der Papst Einzug in die Popkultur, als die roten Schuhe von Benedikt XVI. fälschlicherweise der Luxusmarke Prada zugeschrieben wurden.
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60325 Frankfurt am Main