Das Kunstmuseum Stuttgart präsentiert erstmals seit rund sechzig Jahren die nur selten gezeigten Druckgrafiken und Reliefs von Rolf Nesch. Diese treten in einen generationenübergreifenden Dialog mit Arbeiten von Nadira Husain und Ahmed Umar über Migration und kulturelle Identität.
Die soziale Gegenwart wird – weit über Deutschland hinaus – zunehmend von einer postmigrantischen Gesellschaft gestaltet. In Stuttgart etwa leben Menschen aus 185 Nationen. Die bildende Kunst ist ein Spiegel dieser Transformation. Forschende sprechen inzwischen von einer neuen »Kunstgeschichte der Migration« oder einer »Ästhetik der Migration«, die sich damit befasst, wie globale Migrationsbewegungen Kunstproduktion, -orte und Diskurse prägen. Diese Konzepte öffnen den Blick über eine traditionelle, westlich orientierte Stilgeschichte hinaus.
Die Ausstellung widmet sich der vielgestaltigen Verflechtung von Heimat, (Post-)Migration, kultureller Identität und künstlerischer Praxis. Ausgangspunkt sind seit rund sechzig Jahren nicht mehr gezeigte Druckgrafiken und Reliefs von Rolf Nesch aus der Sammlung des Kunstmuseums Stuttgart. Von 1960 bis Mitte der 1980er-Jahre erwirbt die Galerie der Stadt Stuttgart – die Vorgängerinstitution des Kunstmuseums Stuttgart – 90 Arbeiten des aus Oberesslingen stammenden Künstlers.
Statt als Retrospektive wird Neschs Werk in einem zeitgenössischen Kontext präsentiert: Gemeinsam mit Arbeiten von Nadira Husain und Ahmed Umar entfaltet sich ein generationenübergreifender Dialog über Migration, nationale Zugehörigkeit und kulturelle Identität im Spannungsfeld geopolitischer und sozialer Umbrüche. Trotz unterschiedlicher Biografien und kultureller Prägungen verbinden die drei Künstler:innen unmittelbare Flucht- und Migrationserfahrungen, die sich in ihren künstlerischen Ausdrucksformen manifestieren – insbesondere in der Materialität, der sinnlichen Gestaltung von Oberflächen und einer Offenheit gegenüber experimentellen Verfahren.
Exemplarisch zeigt die Ausstellung, welche formalen Strategien Künstler:innen entwickeln, wenn sie sich zwischen verschiedenen Kulturen bewegen: Welche visuellen Codes und narrativen Muster entstehen aus diesem besonderen Schwebezustand? Wie werden sie umgedeutet, eingesetzt, neu verknüpft? Und welche Rolle kommt der Kunst dabei zu – als Medium, das Identität in einer Gesellschaft der Vielen nicht nur abbildet, sondern aktiv formt?
Rolf Nesch (1893 - 1975)
Rolf Nesch emigriert 1933 unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtergreifung aus politischen Motiven nach Norwegen. Im Exil wandeln sich seine Arbeitsweise und Bildthemen grundlegend: Erfahrungen des Fremdseins, die Anpassung an neue Lebensumstände und die für ihn tiefgreifende Wirkung der nordischen Landschaft mit ihren elementaren Naturkräften finden in seinen Werken ihren Ausdruck.
Nesch studiert an der Kunstakademie Dresden und beginnt 1924 nach einem Studienaufenthalt bei Ernst Ludwig Kirchner in Frauenkirch bei Davos erstmals druckgrafisch zu experimentieren. Bereits vor seiner Emigration entwickelt er ein neuartiges Metalldruckverfahren: Auf die Druckplatten lötet er Metallstücke und Lochbleche, die Teil des Abdrucks werden. In Norwegen führt er diese Technik konsequent weiter. Daraus gehen reliefartige Materialbilder hervor, in denen sich Fläche und Raum zu einer innovativen Bildform verdichten.
Die Teilnahme an den documenta-Ausstellungen I (1955), II (1959) und III (1964) sowie an der Biennale von Venedig 1962 im neu errichteten Nordischen Pavillon belegt die internationale Rezeption seines Werks. Die für die Ausstellung aus dem Sammlungsbestand des Kunstmuseums ausgewählten Werke, ergänzt um Leihgaben aus dem In- und Ausland, vermitteln die transmediale, kulturübergreifende Dimension seines Œuvres. Nesch zählt heute zu den bedeutendsten Künstler:innen Norwegens.
Nadira Husain (*1980)
Nadira Husain wächst in den 1980er- und 1990er-Jahren in Paris in einer französisch-baskisch-indischen Familie auf. Ihre Bildsprache reflektiert dieses hybride Umfeld: das muslimisch-indische Erbe des Vaters, die französischbaskische Kultur der Mutter und das Leben in der Metropole. In einem dichten visuellen Nebeneinander verbinden ihre Arbeiten Comicfiguren, Miniaturmalerei des Mogulreichs und indopersisches Mobiliar. Husain arbeitet malerisch, skulptural und installativ, oft auch mit textilen Druckverfahren. Das Prinzip der Collage dient ihr als zentrales Mittel, um Transkulturalität erfahrbar zu machen.
Die Künstlerin vertritt die Perspektive einer postmigrantischen zweiten Generation. Ein wichtiges Motiv ist der von ihr konsequent weiblich gebrauchte französische Begriff »bâtarde«, übersetzt: »Bastard« oder »Mischling«. Ursprünglich aus der Biologie stammend, oft jedoch zur rassistischen Ausgrenzung und zur Bezeichnung unehelicher Kinder genutzt, eignet Husain sich das Wort in feministischer Setzung an und verwandelt es in ein versöhnendes Mantra, das Fragen nach Selbstverständnis, Zuschreibung und Dekolonisierung eröffnet. Ihr Werk gründet in der Vielfalt heterogener Gesellschaften, die aus Migration hervorgegangen sind. Im Kunstmuseum Stuttgart zeigt sie neue Arbeiten, in Verbindung mit einer eigens entwickelten Wandmalerei.
Ahmed Umar (*1988)
Ahmed Umar wuchs im Sudan in einer traditionellen sufitischen Familie der Oberschicht auf, die während seiner Kindheit nach Mekka zog. 2008 floh der Künstler und LGBTQIA+-Aktivist vor politischer Verfolgung nach Norwegen, wo er ein Kunststudium begann. Für das Kunstmuseum Stuttgart schafft er 33 Werke seiner fortlaufenden Serie »Glowing Phalanges«. Der Titel verweist auf die Phalangen, die Fingerknochen, denen in der islamischen Gebetspraxis eine besondere Rolle zukommt: Beim Rezitieren von Lobpreisungen und Bittformeln dienen sie als Zählpunkte und gelten als Träger des Glaubens, die am Jüngsten Tag leuchten sollen. In dieser Serie verwendet Umar erstmals Glas als Material. 32 Werke entstehen während einer Residency in Bergen (Norwegen), die 33. textile Arbeit lässt Umar in Kairo anfertigen.
Umar versteht die Serie als eine spirituelle Annäherung an Identität, Glauben und Widerstand. Sie vereint den mystischen Sufismus Sudans – mit seinen vielgliedrigen Gebetsketten – und den Wahhabismus Saudi-Arabiens, einer streng konservativen Strömung des Islams, in dem das Zählen der Fingerknochen strikt geregelt ist: 15, 33, 99 und 1.000. Umar überträgt diesen religiösen Akt in die lichtreflektierende Materialität des Glases. Abgüsse seiner Hände interpretieren die Gebetsgesten neu. Von ihm geschaffene Schriftzeichen, arabischer Kalligrafie nachempfunden, kennzeichnen zudem seine Werke. Umars Arbeiten werden erstmals in Deutschland gezeigt.
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