Die »Frischzelle« bietet seit 2005 jungen Künstler:innen die Gelegenheit zu ihrer ersten musealen Einzelausstellung. Bis heute gibt es bundesweit kein vergleichbares Format. Zum 20-jährigen Jubiläum der Ausstellungsreihe ist erstmalig eine Auswahl an Werken zu sehen, die nach der Präsentation in der »Frischzelle« für die Sammlung des Kunstmuseums Stuttgart angekauft wurden.
Am 3. Juni 2005 fiel der Startschuss für die Ausstellungsreihe »Frischzelle« – nahezu zeitgleich mit der Eröffnung des Kunstmuseums Stuttgart, die im März erfolgte. Mit dem Doppeljubiläum 2025 feiert auch die »Frischzelle« ihr 20-jähriges Bestehen. In diesem Zeitraum hat sich das Ausstellungsformat als bedeutende Plattform für junge, in Baden-Württemberg tätige Künstler:innen etabliert und dazu beigetragen, viele künstlerische Karrieren nachhaltig zu fördern.
Die »Frischzelle« ist dabei allerdings weit mehr als nur ein Förderinstrument, sie ist zugleich ein Schaufenster in die aktuelle Kunstproduktion der Region. Die »Frischzelle« hat in den Sammlungsräumen ihren fest definierten Ort – einen Bereich, in dem hohe Wände, komplexer Grundriss und Treppe eine besondere architektonische Konstellation bilden. Es handelt sich um eine ehemalige, stillgelegte Tunnelröhre, die einst der urbanen Subkultur als Treffpunkt diente. Die Verbindung von architektonischer Eigenheit und geschichtlicher Dimension schafft einen vielschichtigen Kontext, der den Charakter der Ausstellungsreihe maßgeblich mitprägt. Bislang haben sich insgesamt 31 Künstler:innen, darunter ein Künstlerinnenduo, der Herausforderung der Raumsituation angenommen und dafür eigenständige Ausstellungskonzepte entwickelt. Neben der Auseinandersetzung mit den räumlichen Gegebenheiten suchten die Künstler:innen auch den Dialog mit Werken der Sammlung, die sie um neue Perspektiven erweiterten.
Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Reihe gewährt das Kunstmuseum Stuttgart einen Rückblick und zeigt erstmals eine Auswahl an Werken, die im Anschluss an die Präsentation in der »Frischzelle« für die Sammlung angekauft wurden. Viele der Arbeiten waren seit ihrer Erstpräsentation nicht mehr zu sehen. Drei thematische Schwerpunkte verbinden die unterschiedlichen künstlerischen Ansätze und erschließen dabei ästhetisch-formale und thematische Zusammenhänge.
Materialität und Struktur
In den Arbeiten von Michał Budny, Gereon Krebber, Nasan Tur, Luka Fineisen und Otto D. Handschuh rücken insbesondere die stofflichen Eigenschaften der verwendeten Materialien in den Vordergrund: Transparentpapier, das den Blick auf den darunterliegenden Rahmen freigibt; geschichtete Frischhaltefolie, die eine diffuse Oberfläche erzeugt; Gießharz, der Bewegung konserviert; freigelegte Gebrauchsspuren an Büromaterialien oder an auf der Straße gefundenem Abfall. Benjamin Bronni erzeugt durch Farbe, Raster und Licht räumliche Strukturen, deren Wirkung an die wellenförmige Textur eines Vorhangstoffs erinnert, wie sie Ann-Kathrin Müller in der Fotografie Vantage Point (I) (2014) eingefangen hat. Melanie Dorfer und Peles Duo befassen sich mit architektonischen Räumen und deren Details, in die sie eingreifen und so transformieren.
Aktion und Performance
Anahita Razmi und Stefanie Trojan thematisieren Fragen künstlerischer Autor:innenschaft. Beide treten in ihren Arbeiten selbst in Erscheinung, jedoch mit unterschiedlichen Intentionen: Razmis Youtube stills (2012) basieren auf performativen Nachstellungen von Online-Videos, in denen sie verschiedene Rollen übernimmt. Die Serie reflektiert gesellschaftspolitische Themen und verweist auf die Bedeutung von YouTube im Arabischen Frühling. Trojan hingegen untersucht in ihren Performances ballast (2007) und anhängsel (2011) Dynamiken zwischenmenschlicher Verhaltensmuster, indem sie das Publikum aktiv einbezieht. Dabei überschreitet sie persönliche Grenzen und provoziert unmittelbare Reaktionen.
Zeitlichkeit
Die Ausstellung zeigt Werke, die Zeit unmittelbar erfahrbar machen. In Katinka Bocks Film La question du centre (2006) brennen Teelichter langsam herunter, während die animierten Videos von Alexander Schellow durch die fortwährende Wiederholung kurzer Alltagsszenen Dauer erzeugen und dabei den flüchtigen Charakter eines Augenblicks betonen. In den Stop-Motion-Filmen Marche au Supplice (2004) und Kalakeittos (2003) von Pia Maria Martin wird Zeit manipuliert: Ein gerupftes Suppenhuhn setzt sich selbst wieder zusammen, und Fische tanzen in einem Kochtopf, während sie zu Suppe werden. Die Fotografie Patt (2009) von Stefan Burger fixiert Dieter Roths Gartenzwerg (1972) im damaligen Zustand und verweist damit auf dessen fortschreitende Zersetzung.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog , der einen Überblick über bislang alle »Frischzelle«-Ausstellungen (2005 bis 2024) gibt.
Mit: Katinka Bock, Benjamin Bronni, Michał Budny, Stefan Burger, Melanie Dorfer, Luka Fineisen, Otto D. Handschuh, Gereon Krebber, Pia Maria Martin, Ann-Kathrin Müller, Peles Duo (ehemals Peles Empire), Anahita Razmi, Albrecht Schäfer, Alexander Schellow, Stefanie Trojan, Nasan Tur
Kleiner Schloßplatz 1
70173 Stuttgart