Zu VARIOUS OTHERS 2021 zeigt der Kunstraum München  Der Körper vergisst nicht – eine Ausstellung über Traumata, bedingt durch Kriegserfahrungen, Geschlechterdiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Pandemien. Das Wort „Trauma“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet allgemein Verletzung, ohne dabei eine Festlegung zu treffen, wodurch diese hervorgerufen wurde. Fünf Künstler:innen aus Wien und München setzen sich mit dieser Thematik auseinander und zeigen Bilder, Objekte, Fotografien und Installationen.

Die Kuratorin Denise Parizek, die in Wien 12-14 contemporary leitet, eine von Künstler:innen gegründete Plattform für diskursive und sozialpolitisch relevante Themen in Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst, wurde vom Kunstraum eingeladen, eine kuratorische Idee zu präsentieren. Neben den Positionen im Kunstraum zeigt sie weitere Künstler:innen aus Wien im DG Kunstraum.

2019 wurde Denise Parizek von der mexikanischen Kuratorin Luciana Esqueda auf die extrem hohe Zahl von Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts (Femizide) in Österreich angesprochen. Sie tauschten sich zu diesem Thema aus und sprachen über die daraus resultierenden Traumata. Die Notwendigkeit, die sie darin sahen, das Thema öffentlich zu bearbeiten, ließ sie – anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März 2020 – mit einer Ausstellung an der UNAM (Nationale Autonome Universität von Mexiko) in Mexiko City starten. Im Dezember 2020 stellten sie internationale weibliche

Positionen in der Ausstellung „Utopia of Transformation“ im Galerieraum von 12-14 contemporary vor und publizierten ein Manifest. Im März 2021 folgte eine Online-Ausstellung zu dieser Thematik.

Obwohl sich die österreichischen Medien der steigenden Femizide angenommen haben und das Bewusstsein dafür in der Öffentlichkeit gestiegen ist, belief sich die Anzahl der Frauenmorde in den nur ersten Monaten des Jahres 2021 auf elf. Eine Umbenennung von „Beziehungstat“ auf „Femizid“ war längst notwendig. Aber auch, wenn semantische Genauigkeit sensibilisiert: sie verhindert trotzdem nichts. Für Luciana Esqueda, die in ihrem Heimatland Frauenmorde im Alltag gewohnt ist, war es unbegreiflich, dass in einer westlichen demokratischen Gesellschaft solche Zustände herrschen. Was läuft hier falsch und was sind die Folgen, mit der die Gesellschaft zu kämpfen hat?

Zunächst die Frage: Wie hat alles angefangen? Historisch betrachtet, kann man spätestens in den antiken griechischen Mythen nachlesen, wie mit Frauen in der Geschichte umgegangen worden ist. Sie wurden geraubt, vergewaltigt, ausgesetzt, in den Wahnsinn getrieben. Als Spielzeug der Götter wurde ihnen keinerlei Achtung entgegengebracht. Die katholische Kirche manifestierte die Position der Frauen als Untermenschen, Schwüre wie „bis dass der Tod euch scheidet“ wurden wörtlich genommen.

In diversen Kriegen mussten (und müssen immer noch) Frauen die Stellung halten, ihre Familie ernähren, Munition und Waffen anfertigen sowie körperlich mühsame Arbeit leisten. Die kurzfristig gewonnene Autonomie wurde nach Kriegsende gestrichen, die Frauen wurden an den Herd zurückgeschickt. Das Trauma der Kriegsfrauen lag jedoch vor allem in Vergewaltigungen und Verschleppungen, die auch zu einem späteren Zeitpunkt aus Scham verschwiegen wurden.

Im 20. Jahrhundert flohen viele kriegstraumatisierte Menschen aus Ungarn, Jugoslawien, Syrien und Afghanistan schutzsuchend in benachbarte Staaten. Auf deren psychische Verletzungen wird in der Regel nicht eingegangen, die Pein und das Trauma der Entwurzelung, Kriegserfahrung und Flucht konnte weder aufgearbeitet noch geheilt werden. Auch der Neoliberalismus hinterlässt eine traumatisierte Generation, in deren Umgebung die bisher tradierten Regeln nicht mehr gelten. Der Traum des sozialen Aufstiegs platzt, weil er auf die Realität stößt. Die Idee, durch harte Arbeit soziale Grenzen überschreiten zu können, schwindet.

Seit 2020 kennen wir ein neues Trauma, das der Pandemie. Viele Menschen – vor allem Jugendliche, alte Menschen und Alleinstehende– leiden in dieser physisch kontaktlosen Zeit an Vereinsamung; daraus resultieren psychische Probleme. So gesehen blicken wir auf mindestens 2000 Jahre Gewalt, Missbrauch und Unterdrückung – kurzum: Traumata – zurück. Dies ist ein Fakt, der unsere Gesellschaft lähmt und Entwicklungen und Veränderungen erschwert.

„The body keeps the score“ – der Körper vergisst nicht, schreibt Bessel van der Kolk. Auch lange Zeit nach dem traumatisierenden Ereignis können die Erinnerungen daran die Betroffenen plötzlich heimsuchen (Latenz und Nachträglichkeit). Auslöser sind häufig Trigger, d. h. bestimmte Situationen oder Stimmungen, Orte, Gesichter, Gerüche, die die traumatische Situation wieder ins Bewusstsein bringen. Dieser anhaltende Wechsel von Vermeidung und Wiedererinnerung (Intrusion) wird von den meisten Forschern als quälendes Trauma-Symptom beschrieben. In der zeitgenössischen Kunst taucht der Umgang mit diesen Themen regelmäßig auf. Marina Abramovic beispielsweise sieht in der künstlerischen Aufarbeitung eine Chance, ein persönliches Trauma immer wieder zu durchleben, bis es vollständig überwunden ist. Der Schmerz ist im Grunde Teil des Bewältigungsprozesses. Laut den Traumatherapeut:innen Luise Reddemann und Ulrich Sachsse ist die Dissoziation dann ein Mechanismus des Selbstschutzes: die unerträglichen Erinnerungen und Bilder werden so lange wieder und wieder abgespalten, bis die Betroffenen ausreichend stabil sind, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adiechi sieht in der privaten Gewalt letztlich eine der Hauptursachen für politische Gewalt. Und weil diese Gewalt ein Tabu darstellt, könne sich auch nichts in der Politik ändern. Die britische Autorin Aktivistin Laurie Penny spricht über die traumatisierte Gruppe der Occupy-Bewegung – oftmals (männliche) Jugendliche ohne Job, Wohnung, Perspektive –, auf die wir, die sogenannte aufgeschlossene Gesellschaft, unsere Hoffnung setzten, den Turbokapitalismus zu bremsen. Doch wie kann man von traumatisierten Jugendlichen erwarten, dass sie die angesammelten Probleme lösen?

Die Ausstellung möchte zeigen, dass es verborgene Probleme gibt, die die Gesellschaft an ihrer Weiterentwicklung hemmen. Die Besucher:innen sind eingeladen, sowohl bei sich selbst nachforschen als auch ihre Umgebung und ihre Mitmenschen mit milderen Augen zu betrachten.

Der Körper vergisst nicht ist Teil einer Wanderausstellung, die von den Kuratorinnen Luciana Esqueda und Denise Parizek 2019 ins Leben gerufen wurde. Seither werden analoge Shows und Online- Projekte zu den Themen Gewalt gegen Frauen, LGBTQ1+ Community, Humanismus, Trauma und Ausgrenzung verwirklicht.

Beteiligte Künster:
Paula Flores, Anneke Marie Huhn, Vera Klimentyeva, Isidora Krstic, Bojana Fuzinato-Stamenkovic