Die KW Institute for Contemporary Art freuen sich, die erste Retrospektive des brasilianischen Künstlers Leonilson (1957–1993) in Europa zu präsentieren. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl von über 250 Arbeiten in einer Vielzahl von Medien und Stilen, von frühen Malereien bis hin zu späten introspektiven Stickereien. Im Anschluss wird die Ausstellung in Zusammenarbeit mit Moderna Museet, Stockholm, in der Malmö Konsthall (Juni–Oktober 2021) und dem Museu de Arte Contemporânea de Serralves in Porto (Januar–April 2022) zu sehen sein.

Leonilson zählt neben Leda Catunda, Beatriz Milhazes und Luiz Zerbini zu den wichtigsten Vertreter*innen der Geração 80 (Generation 80) – einer Generation brasilianischer Künstler*innen, die nach dem Sturz der brasilianischen Militärdiktatur Mitte der 1980er Jahre ihrer neu gewonnenen Freiheit mit einer gestischen, farbreichen und expressiven Malerei Ausdruck verlieh. Anders als die US-amerikanische Pop Art der 1980er Jahre, die sich die Symbole einer stark industrialisierten Gesellschaft aneignete, war die Kunst der Geração 80 sozialkritisch.

Leonilson wurde im Nordosten Brasiliens als Sohn eines bekannten Textilfabrikanten geboren. Er studierte von 1978 bis 1981 in São Paulo bildende Kunst, verließ die Universität jedoch vor seinem Abschluss, um sich ganz der künstlerischen Produktion zu widmen. Bereits in seinen noch vor dem Studium entstandenen ersten Arbeiten lassen sich die Anfänge einer Praxis erkennen, die von einer gekonnten Verwandlung alltäglicher Materialien zu Objekten gekennzeichnet ist und zwischen feinfühlig-poetischer und holzschnittartiger Formensprache oszilliert. Die zu Beginn der Ausstellung präsentierten Arbeiten Óculos (Brille; ca. 1974/75), Untitled (ca. 1975) und Mirro (ca. 1975) zeigen eine gröbere Handschrift. Die verwendeten Materialien stammen aus Leonilsons direkter Umgebung: eine mit Telefonkabel umwickelte Brille, ein bearbeitetes Stück Holz und eine Assemblage mit besticktem Jeansstoff. Der junge Leonilson – noch keine zwanzig Jahre alt – begann nach einer eigenen Sprache und Materialien zu suchen, mit denen er sich künstlerisch ausdrücken konnte.

Aus Vogue Ideal (Fanzine) (1976), einer Appropriation des Magazins Vogue in Zine-Form, spricht Leonilsons Faszination für Mode, die jedoch von einer kritischen Distanz zu deren traditionellen Gender-Konstruktionen und Affirmation von Klassenunterschieden geprägt war. Das Zine enthält Zeichnungen und Fotografien von Mitgliedern marginalisierter Gruppen, mit denen Leonilson sich identifizierte. Aus dem ländlichen Nordosten Brasiliens stammend, kämpfte er stets mit dem Gefühl der Zugehörigkeit und litt auch unter der damals weit verbreiteten Diskriminierung von Homosexuellen. Obwohl ihm durchaus bewusst war, dass „Leo die Welt nicht verändern kann“,wie es im Titel mehrerer Arbeiten heißt, bemühte er sich doch stets, den weniger Privilegierten Aufmerksamkeit zu verschaffen. Trotz seiner Kritik an der Modeindustrie ließ sich Leonilson gerne von hochwertiger, gut verarbeiteter Kleidung inspirieren. Dabei studierte er die feinen Stoffe und Verarbeitungstechniken der Haute Couture, um sie dann in seine eigenen Arbeiten zu integrieren.

Das Reisen ist ein wesentliches Motiv in Leonilsons Werk. Ab 1981 bereiste er regelmäßig Europa und besuchte dabei unter anderem Mailand, Madrid, Bologna, Paris und Amsterdam sowie mehrere deutsche Städte. Die Aufenthalte haben sich in mehrfacher Hinsicht als fruchtbar erwiesen; so wurden seine Arbeiten in zahlreichen Gruppenausstellungen und Galerien gezeigt. Darüber hinaus entwickelte sich eine enge Freundschaft zu dem Künstler Albert Hien, wie sich in dem hier ausgestellten persönlichen Briefwechsel nachzuvollziehen lässt. Neben Eva Hesse und Blinky Palermo, die er beide auf seinen Reisen durch Europa kennenlernte, war sein frühes Werk vor allem von der italienischen Transavanguardia-Bewegung beeinflusst, die sich Ende der 1970er Jahre formierte und deren Vertreter*innen sich Figurativem, antiker Mythologie und einer expressiven Farbigkeit zuwandten. So werden auch in Leonilsons Malereien und Zeichnungen aus den 1980er Jahren ein eklektizistischer Subjektivismus und eine emblematische Bildsprache sichtbar.

Ein Schlüsselmoment in Leonilsons früher Schaffensphase war der Besuch einer Ausstellung von Textilarbeiten der Shakers 1986 in New York. Arbeit und Handwerk stehen im Mittelpunkt der Lehre der amerikanisch-christlichen Glaubensgemeinschaft. Die Symbolik der bestickten Karten ihrer Ländereien verweist auf die Natur, irdisches Leben und Spiritualität. Dieser Zugang beeinflusste Leonilson in zweierlei Hinsicht. Zum einen eignete er sich Stoff als zentrales Medium und Stickerei als Technik an. Zum anderen begann er, den mit Stickereien verzierten Körper als Karte eines ungeschützten Gebiets zu begreifen – des Selbst. Neben Neugier waren es wohl auch Erfahrungen der Entwurzelung, Diskriminierung und Einsamkeit infolge gescheiterter Beziehungen, die ihn auf abenteuerliche Reisen ins Ausland trieben. Kartografische Referenzen in Arbeiten wie Norte (Norden; ca. 1988) und A ruas da cidade (Die Straßen der Stadt; ca. 1988) verweisen nicht nur auf Leonilsons Zeit im Ausland, sondern können auch als selbstreflexive Kartierungen gelesen werden. Der Ansatz, das eigene Universum durch Stickerei abzubilden, sollte erst nach einer Begegnung mit dem Werk von Arthur Bispo do Rosário (1909–1989, BR) wenige Jahre danach verstärkt werden. 50 Jahre lang lebte Bispo do Rosário in einer psychiatrischen Anstalt, in der er reich strukturierte Textilien herstellte, die akribisch seine Alltagsbeobachtungen einer zwischen Realität und Delirium oszillierenden, vom Mainstream isolierten Welt artikulierten.

Als bei Leonilson 1991 AIDS diagnostiziert wurde, änderte sich seine Bildsprache erkennbar. Gesundheitliche Probleme und die Beschäftigung mit dem Tod bestimmten seine letzten Lebensjahre. Die Arbeiten O apaixonado, o zig zag, 5 minutos (Der Verliebte, Das Zickzack, 5 Minuten; 1991) verdeutlichen seinen Kampf mit dem Leben und der Vergänglichkeit der Liebe. Die Melancholie dieser Werke setzt sich in Puros e duros (Die Reinen und die Harten; 1991) fort, wo die Härte der Steine der Verletzlichkeit des verfallenden menschlichen Körpers antithetisch gegenübergestellt wird. Die sieben Zeichnungen der Serie O perigoso (Der Gefährliche; 1992), auf deren ersten Blatt Leonilson einen Tropfen seines HIV-positiven Blutes rieselte, waren eine subversive öffentliche Erklärung seiner sexuellen Orientierung und seines persönlichen Kampfes – eine konzeptuelle Emanzipation, die in der brasilianischen Kunst jener Zeit als außergewöhnlich galt. Später war es ihm aus gesundheitlichen Gründen nur noch möglich, mit Nadel und Faden zu arbeiten. Die Stickereien dieser Phase sind im Gegensatz zu seinen früheren Zeichnungen und Malereien weniger autobiografisch, können aber dennoch als Selbstporträts verstanden werden, deren leichter Stoff das flüchtige Leben verkörpert.

Im Jahr seiner Diagnose begann Leonilson eine wöchentliche Kolumne in der Zeitung Folha de São Paulo mit Zeichnungen zu illustrieren. Es handelte sich dabei um satirische Kommentare auf eine von tiefgreifenden politischen, sozialen und kulturellen Umbrüchen – Studierendenbewegungen, Aidskrise, die noch junge Demokratie und fortschreitende Globalisierung – geprägte Ära in der jüngeren Geschichte Brasiliens. Aus heutiger Sicht laden die Zeichnungen dazu ein, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede gesellschaftspolitischer Realitäten von damals und heute nachzudenken. Zwar nehmen diese Zeichnungen direkt auf den Inhalt der Kolumnen Bezug, zeugen aber mit ihren Weltkugeln, Vulkanen, Türmen, Feuern und geometrischen Formen gleichzeitig von Leonilsons überbordender Kreativität.

Wohl auch aufgrund seiner religiösen Schulbildung taucht christliche Ikonografie in Leonilsons Praxis immer wieder auf. Am deutlichsten wird dies in der Instalação sobre duas figuras (Installation auf zwei Figuren; 1993), die er für seine letzte Ausstellung in der Morumbi-Kapelle in São Paulo schuf. Die Installation besteht aus Leonilsons eigenen Hemden und Bettlaken, die er wie anthropomorphe Figuren über Stühle legte oder auf Wäscheständer hängte.

In Stickereien auf den Stoffen verbinden sich Verweise auf so unterschiedliche Themen wie Aufrichtigkeit, die Heuchelei der Kirche, Verlangen und Lazarus – die biblische Symbolfigur der Auferstehung.

Begleitend zur Ausstellung Leonilson: Drawn 1975–1993 erscheint ein umfangreicher gleichnamiger Katalog, der neue Reflexionen zum Werk und Leben Leonilsons zusammenführt. Beiträge von Leda Catunda, Albert Hien, Yuji Kawasima, Lisette Lagnado, Ivo Mesquita und Adriano Pedrosa ergänzen einen von Krist Gruijthuijsen, Kurator der Ausstellung, verfassten persönlichen Brief an Leonilson und ebenfalls von ihm geführte Gespräche mit den engsten Freunden des Künstlers Jan Fjeld und Eduardo Brandão. Die publizierten Texte bieten neue Perspektiven auf eine überzeugende künstlerische Praxis und positionieren diese im Kontext der heutigen Zeit.

Der Katalog wurde von den KW Institute for Contemporary Art initiiert und in Zusammenarbeit mit Moderna Museet (Stockholm, Schweden), Malmö Konsthall (Schweden) und Museu de Arte Contemporânea de Serralves, Porto (Portugal) produziert und erscheint im Hatje Cantz Verlag.